Zur Feier des 6. März: Interview mit einer Autorin
Inspiration, Imagination und Einflüsse
>> Kommt es vor, dass Ihnen die Inspiration ausgeht?
> Tja, es ist so, wenn man immer weiterarbeitet, kommt die Inspiration zurück – ob sie vorher da war oder nicht.
Was ist damit meine, ist, dass viele Leute davon ausgehen, dass ein Schriftsteller einen blitzartigen Moment der Eingebung erlebt oder mittels magischer Beschwörung mit „Erzählstoff“ erfüllt wird – welchen der Schriftsteller dann auf die Seite ergießt. So funktioniert das nicht. Ich habe nur sehr selten eine konkrete Vorstellung, was ich zu schreiben vorhabe. Ich brauche eine „Keimzelle“ — ein einprägsames Bild, eine Dialogzeile, etwas, das ich konkret spüren kann. Das schreibe ich auf, so schlicht und so gut ich kann, und dann sitze ich da und starre es an. Ziehe Worte hervor und füge sie ein, schreibe einen neuen Satz, lösche ihn wieder, schreibe zwei neue, lösche anderthalb … ich fummle herum. Und während ich das tue, tritt mein Hinterkopf gegen den Komposthaufen, der dort vor sich hin gärt, und stellt Fragen nach dem Zufallsprinzip („Wo bin ich? Welche Jahreszeit ist es? Sehe ich nasses gelbes Laub an dieser Fensterscheibe kleben? Höre ich Schnee hinter dicken Vorhängen flüstern? Wie fällt das Licht? Ist es Kerzenschein, Feuerschein,. Sonnenschein? Hat da gerade jemand etwas gesagt? Es ist etwas auf den Boden gefallen … was ist es?“ Und so weiter und so fort …), und ganz langsam beginnt die Szene, sich zu entwickeln, während ich mich um die ursprüngliche Keimzelle herumbewege (die normalerweise gar nichts mit der Handlung zu tun hat; sie ist nur ein konkreter Ausgangspunkt, der es mir ermöglicht, einen Satz zu Papier zu bringen, an dem ich mich entlanghangeln kann).
Will heißen: erst die Arbeit – dann die Magie.
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>> Schriftsteller sind bessere Lügner als andere Menschen – wahr oder falsch?
> Eigentlich wollte ich diese Frage aus Zeitgründen gar nicht beantworten, aber ich kann es mir nicht verkneifen. Ich habe diese Frage heute Abend beim Abendessen erwähnt, woraufhin mein Mann (der zwar kein Schriftsteller ist, mich aber schon laaaange kennt) und mein Sohn (der selbst Romane schreibt) wie aus der Pistole meinten: „Natürlich sind sie das.“
„Nein“, habe ich gesagt. „Ich bin anderer Meinung.“ Gute Schriftsteller zumindest nicht. Denn, wie ich dann erklärt habe – und mein Sohn hat mir hier sofort zugestimmt – eine gute Geschichte ist die Wahrheit. Die Tatsache, dass sie „Fiktion“ ist, hat nichts mit ihrer grundlegenden Wahrhaftigkeit zu tun, denn man kann einfach keine gute Geschichte schreiben, wenn man das , was man schreibt, selbst nicht hundertprozentig glaubt. Also sind Schriftsteller beruflich alles andere als Lügner.
Andererseits könnte man natürlich einwenden, dass sie meisten Schriftsteller relativ gut darin sind, Dinge zu erfinden und zu erkennen, was plausibel ist und was nicht – und dass sie daher die gesellschaftlichen Formen der Lüge recht gut beherrschen dürften. Ob sie es besser können als der durchschnittliche Nicht-Schriftsteller, kann ich nicht sagen. Ich selbst habe als Lehrerin gearbeitet, und ich kann Ihnen sagen, dass ich vielen Nicht-Schriftstellern begegnet sind, die mit großer Fantasie gelogen haben. Doch ihr Problem war normalerweise zu viel Fantasie – und daran hängt die Plausibilität. Wie weit geht man ins Detail, und wann verrät man sich? Was für Details klingen glaubwürdig? (Kurioserweise die abwegigen. „Mein Hund hat meine Hausaufgaben gefressen“ ist eindeutig gelogen, während „Mein dämlicher Dackel hat es irgendwie fertiggebracht, eine Handvoll Kies zu fressen, was ich herausgefunden habe, als ich ihn zum Röntgen zum Tierarzt gebracht habe, nachdem er vorgestern das ganze Haus vollgekotzt hat“ offensichtlich die Wahrheit ist. Ehrlich. Dummer Hund.)
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>> Ein Artikel aus salon.com hat einmal Ihren einzigartigen Stil so beschrieben: „Das Geniale der Serie liegt zum Teil in ihrer unkonventionellen Erzählweise begründet: Sie schert sich einfach nicht um Genres oder gängige Vorgehensweisen, und es scheint sie nicht zu kümmern, dass eine Identifikationsfigur wie Claire einer Frau die Rolle des rätselhaften Fremden zuweist, während Jamie – selbst alles andere als ein Weichei – den Part der romantischen Heldin übernimmt.“ Könnten Sie dazu bitte etwas sagen?
> Ohne Ende. Da wir hier aber nur begrenzt Platz haben, werde ich mich auf ein paar Anmerkungen zu Genreromanen beschränken.
Genreromane befassen sich mit den wichtigsten (und interessanten) Themen des Lebens: mit Beziehungen und Ehen (Frauenliteratur und Liebesromane), mit dem Individuum gegen die Gesellschaft (Western und Thriller), mit der Natur des Gesellschaftsvertrages (Krimis), dem Lockruf des Unbekannten (spekulative Fiktion) und dem Bedürfnis nach Selbsterforschung und Selbstbestätigung (dies trifft auf alle Genres zu).
Nun findet eine weitgehend künstliche, aber ebenso weitgehend akzeptierte Unterscheidung zwischen „Literatur“ und „Unterhaltung“ statt. Wenn ein Buch wunderschön geschrieben ist, keinem herkömmlichen Handlungsverlauf folgt und einen geschmackvollen, matt gedruckten Umschlag hat, ist es „Literatur“ (oft gleichbedeutend mit langweilig). Wenn es eine klassische Handlung und ein buntes Bild mit Golddruck auf dem Umschlag hat, ist es „Unterhaltung“ (macht also Spaß, ist aber intellektuell verwerflich), ganz gleich, wie gut es geschrieben ist.
OK. Ich schreibe einigermaßen gut (sagt sie mit der für sie typischen Bescheidenheit) und möchte behaupten, dass ich die menschliche Natur wohl genau so gut verstehe wie jeder andere Mensch in meinem Alter. Nun habe ich „Feuer und Stein“ aber nur zum Üben geschrieben. Da ich überhaupt nicht vorhatte, es irgendjemandem zu zeigen, von einer Veröffentlichung ganz zu schweigen, gab es keinen Grund, mich für „Literatur“ oder „Unterhaltung“ zu entscheiden – also habe ich es auch nicht getan.
Ich habe immer schon alles gelesen und zwar in Massen. Als ich also angefangen habe, selbst ein Buch zu schreiben, habe ich einfach alles mit hineingepackt, was mir interessant erschien, und diese Elemente dann logisch weiterentwickelt. Einige dieser Elemente – eine Frau, die aus ihrer angestammten Zeit gerissen wird, das Ungeheuer von Loch Ness, Schlachten und Schwertkämpfe – passen natürlich gut zur Handlung gängiger Unterhaltungsromane. Andere – die Folgen einer homosexuellen Vergewaltigung, die Natur der Identität, der Konflikt zwischen persönlicher und gesellschaftlicher Loyalität in Kriegszeiten – tun das nicht.
Ich schreibe also weder Literatur noch Unterhaltung; ich schreibe einfach nur ungewöhnliche Wälzer. Und da das zu funktionieren scheint, habe ich einfach so weitergemacht.
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>> Es gibt Schriftsteller, die sagen, dass sie überhaupt keine Romane lesen, während sie selbst an einem arbeiten, weil sie Angst haben, von dem, was sie lesen „beeinflusst“ zu werden. Kennen Sie diese Angst auch?
> Die Vorstellung, jahrelang auskommen zu müssen, ohne einen Roman zu lesen, erfüllt mich mit Entsetzen (obwohl – vielleicht schreiben diese Leute ja schneller als ich und gönnen sich nach jedem Buch einen langen Urlaub?) — aber was mich noch mehr erschüttert, ist die schiere Idiotie dieses Verhaltens.
Alles, was ein Schriftsteller sieht, denkt und erlebt, beeinflusst seine Arbeit. Wie könnte es anders sein? Natürlich stimmt es, dass Schriftsteller oft gefragt werden, wo ihre Ideen finden, und dass sie dann – im Scherz oder aus Verzweiflung – Antworten geben wie: „Im Versandhauskatalog“ (oder „auf ideen.com“, je nach Alter des Schriftstellers). Die Wahrheit ist aber, dass alles, was ein Schriftsteller sieht, hört, riecht, berührt, schmeckt, denkt, fühlt oder tut, ihm Ideen liefert – einschließlich der Bücher, die er liest.
Natürlich möchte man eine einzigartige „Stimme“ entwickeln, aber lernen Kinder sprechen, wenn sie nie angesprochen werden? Sie haben eine individuelle Stimme, weil Sie ein Individuum sind. Und Ihre Individualität setzt sich aus dem gottgegebenen, essentiellen Funken ihrer Persönlichkeit und der Summe Ihrer Erfahrungen und Erlebnisse zusammen. Ob nun jede Begegnung eine schmerzvolle Kollision oder ein fruchtbarer Liebesakt ist … wer weiß? Doch es ist alles Wasser auf den Mühlen den Schriftstellers, das zumindest sollte offensichtlich sein, wenn man einigermaßen belesen ist.
Ich persönlich habe im Alter von drei lesen gelernt und lese seitdem ununterbrochen. Ich bin inzwischen achtundfünfzig; in fünfundfünfzig Jahren kann man eine Menge lesen. Ich bin mir sicher, dass jedes Buch, das ich je gelesen habe, mich irgendwie schriftstellerisch beeinflusst hat, ob negativ (es gibt viele Bücher, die ich mit der wachsenden Überzeugung gelesen habe, dass ich so etwas nie im Leben tun würde) oder positiv. Doch als ich angefangen habe selbst zu schreiben, habe ich bewusst nach positiven Einflüssen Ausschau gehalten, und glücklicherweise hat es daran nicht gemangelt. Während der Arbeit an meinem ersten Roman habe ich mich vor allem bewusst mit dem Stil und der Technik der folgenden fünf Autoren auseinandergesetzt:
Charles Dickens – Niemand erschafft Charaktere so wie Dickens es getan hat, und das ist der Grund, warum er auch heute noch gelesen wird. Er hat wunderbare Geschichten erzählt und ein lebendiges Porträt der viktorianischen Gesellschaft gezeichnet, doch diese Gesellschaft setzt sich aus Menschen zusammen, die auf den Buchseiten leben, atmen und sprechen. Von ihm habe ich die Kunst gelernt, eine Figur heraufzubeschwören: Menschen so einprägsam zu benennen und so lebendig zu beschreiben, dass sie zum Leben erwachen.
Robert Louis Stevenson – Einer der ersten und besten Romanautoren – damals, als Roman noch Romantik bedeutete, Abenteuer und Spannung, Flucht aus dem Alltag. DIE SCHATZINSEL? ENTFÜHRT? DER ERBE VON BALLANTRAE? Allein die Titel versetzen den Leser schon in eine andere Welt, und die klare Prosa und die lebendigen Charaktere locken ihn immer wieder dorthin zurück.
Dorothy L. Sayers – Meisterin des Dialogs, der Charakterzeichnung, des Humors und der gesellschaftlichen Feinheiten. Von ihr habe ich gelernt, dass der Dialog das ist, was eine Figur am meisten ausmacht, und was man mit Hilfe von Akzenten, individueller Ausdrucksweise und Dialekten bewirken kann. Und dass jede Figur in ihr eigenes gesellschaftliches Grundgefüge eingebettet ist, das genau so wichtig ist wie die persönlichen Charaktereigenschaften dieses Individuums.
John D. MacDonald – John D. War ein sehr produktiver Schriftsteller, auf dessen Konto über fünfhundert Bücher in mehr als einem Genre gehen, doch vor allem kennt man ihn durch seine Travis-McGee-Krimis. Von ihm habe ich gelernt, wie man Figuren im Lauf einer langen Serie überdauern lässt, wie man sein Erzähltempo hält, wie man Actionszenen schreibt und welchen Rhythmus eine Geschichte braucht.
P.G. Wodehouse – Einer der beliebtesten Humoristen aller Zeiten. Pelham Grenville Wodehouse hat mich gelehrt, wie köstlich man sich allein mit Hilfe der englischen Sprache amüsieren kann – und wie man eine Handlung konstruiert, die so nahtlos funktioniert, dass es keine Rolle spielt, wie absurd sie ist. Und wer je das Vergnügen hatte, Bertie Wooster und seinem Butler Jeeves – geschweige denn den Scharen seiner Freunde und Feinde (Gussie Fink-Nottle und seine Tante Agatha, um nur zwei zu erwähnen) – zu begegnen, wird sie nie vergessen.
Von all diesen Schriftstellern habe ich viel gelernt – und dazu von Hunderten ihrer Kollegen. Doch was alle Autoren auf dieser Liste meiner persönlichen Musen gemeinsam haben, ist große Kunstfertigkeit bei der Erschaffung ihrer Figuren. Und ich glaube, dass gute Figuren in einem Roman das Allerwichtigste sind. Es mag ja sein, dass man einmal ein Buch seiner interessanten Handlung wegen liest – aber nicht zweimal. Doch wenn man auf den Seiten eines Buches einer interessanten Person begegnet, kehrt man zurück, entdeckt neue Bedeutungen, sieht neue Tiefen – oder genießt es einfach nur, eine lange, feste Freundschaft aufzufrischen.
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>> Glauben Sie, dass Ihr Alter und Ihre Lebenserfahrung viel damit zu tun hatten, wie Ihre Bücher geworden sind?
> Hmm. Ich habe am 6. März 1988 angefangen, FEUER UND STEIN zu schreiben (das weiß ich, weil jeder Dateiname das Entstehungsdatum enthält, und JAMIE36 ist die älteste Datei, die ich habe – oder vielmehr hatte; die Daten der ersten zwei oder drei Bücher waren alle auf 5.25-Zoll-Disketten, die man nicht mehr lesen kann). Das heißt, dass ich gerade 36 geworden war.
Nein, ich glaube nicht, dass ich es mit Mitte zwanzig hätte schreiben können, aus allen möglichen Gründen. Auch mit Anfang dreißig hätte ich es nicht schreiben können, weil ich mein erstes Kind mit dreißig bekommen habe, dann noch zwei jeweils im Abstand von zwei Jahren (also drei Kinder in vier Jahren), während ich gleichzeitig eine volle Stelle hatte. Ich hätte keine einzige Gehirnzelle dafür übrig gehabt.
Nein, die Figuren in diesen Büchern haben sich nicht jahrelang in meinem Kopf herumgedrückt und nach Aufmerksamkeit gejammert. Ich habe keinen einzigen Gedanken an sie verschwendet, bis ich angefangen habe, einen Roman zum Üben zu schreiben. Doch wenn ich einmal anfange zu lauschen, höre ich Dinge. Das Schreiben besteht für mich aus zwei Schritten, die ich allerdings nicht bewusst trenne: „Dinge zu sehen“, also Material von der „Anderen Seite“ heranzuschaffen, und es dann aus meinem Kopf in brauchbarer Form zu Papier zu bringen.
Nun ist es ja so, dass ich nie im Voraus plane und ich so gut wie niemals ganze Szenen im Kopf habe; was ich habe, wenn ich mich ans Schreiben begebe, ist nur die „Keimzelle“ — ein einprägsames Bild, eine Dialogzeile, etwas, das ich konkret spüren, sehen oder hören kann. Das schreibe ich auf, so klar ich kann, und dann arbeite ich mich daran entlang, vor und zurück (und vor und zurück, ad infinitum; es geht extrem langsam), und die Szene nimmt Gestalt an, während ich daran arbeite.
Mein Mann und ich sind heute fast den ganzen Tag Auto gefahren, und beim Autofahren (oder überhaupt unterwegs, wenn die Reise nicht zu stressig ist) finde ich oft solche „Keime“. Von der heutigen Fahrt habe ich drei Stück mitgebracht: zwei kleine Grabsteine zu Füßen einer Frau, eine innere Monologzeile („Ich hatte schon mehr als einmal seine Seele berührt, doch nie zuvor hatte ich an kaltes Eisen gefasst.“) und ein Bild: Ian, der an einem Lagerfeuer liegt und zu den Sternen schaut; ich konnte Rollo unter seiner Decke an ihn gekuschelt spüren und wusste, was er dachte: „Es war schwer, Onkel Jamie zu täuschen, doch manchmal möchte ein Mann eben getäuscht werden.“
Das ist alles noch im Rohzustand; die Zeile mit dem kalten Eisen klingt noch nicht richtig, aber ich weiß, was sie meint und kann damit herumspielen. Zu dem Bild mit den Grabsteinen habe ich noch keinen Text; vielleicht fange ich einfach damit an, sie zu beschreiben, und schaue dann, was passiert. Was Ian betrifft, so weiß ich, was er meint, und ich habe eine vage Vorstellung von dem, was als Nächstes kommt, doch dieser Satz hat mich auf eine interessante Möglichkeit gebracht, an die ich bisher noch nicht gedacht hatte, also warten wir’s ab.
Allerdings arbeitet nicht jeder so. Das einzige „Geheimnis“ des Schreibens ist, es regelmäßig zu tun, doch darüber hinaus hilft es natürlich herauszufinden, wie der eigene Kopf arbeitet und mit ihm zusammenzuarbeiten – also zum Beispiel nicht zu versuchen, detaillierte Entwürfe zu verfassen, wenn einem das eigentlich nicht liegt, es aber andererseits nicht mit dieser Improvisationsmethode zu probieren, wenn man nicht von Natur aus in Bruchstücken denkt. Im Allgemeinen gibt es aber nur eine Methode zu lernen, wie man selbst am besten schreibt, und das ist zu schreiben, Verschiedenes auszuprobieren und es selbst herauszufinden. Und darum macht man dann weiter.
Eigentlich glaube ich nicht, dass es auf das Alter eines Schriftstellers ankommt – obwohl es darauf ankommt, was man schreibt und wie sehr man dabei aus der eigenen Lebenserfahrung schöpft. Nein, diese Geschichte hätte ich, glaube ich, nicht schreiben können, ohne selbst die Erfahrung einer langen, glücklichen Ehe gemacht zu haben – ich hätte mit Mitte zwanzig mit Sicherheit ein anderes Buch schreiben können, das wahrscheinlich auf seine Weise auch abenteuerlich und interessant gewesen wäre. Man ist in keinster Weise darauf beschränkt zu „schreiben, womit man sich auskennt“. Schließlich gibt es Dinge wie Einfühlungsvermögen und Recherche. Und vor allem gibt es die Fantasie.
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Henne oder Ei, Charaktere oder Handlung – was kommt zuerst?
>> Warum haben Sie Claire nicht als Frau aus den Achtzigern angelegt?
> Dass Claire eine Zeitreisende ist, war Zufall – wie die meisten Ereignisse meiner literarischen Laufbahn. Doch nachdem es mir klar geworden war, war es meine Aufgabe herauszufinden, wo/wann genau sie herkam. Ihr Tonfall war eindeutig modern – sie stammte eindeutig aus dem zwanzigsten Jahrhundert –, und ihrer Wortwahl und ihrer Aussprache nach war sie ebenso eindeutig Engländerin.
Als ich angefangen habe, mir Gedanken über sie zu machen, habe ich mir überlegt, welche Fähigkeiten ich gern hätte, wenn ich unfreiwilligerweise zur Zeitreisenden würde, und bin zu dem Schluss gekommen, dass es – angesichts des Standes der medizinischen Entwicklung in der Vergangenheit – vielleicht gut wäre, einen medizinischen Beruf zu haben, und sei es nur, um selbst bessere Überlebenschancen zu haben.
Trotzdem konnte ich sie mir nicht als Ärztin aus den Neunzigern vorstellen. In den Achtzigern und Neunzigern ist die Medizin sehr technik-orientiert geworden, und die Vorstellung, dass diese Frau händeringend vor einem Kriegsverletzten stehen könnte, weil sie keinen Computertomographen hat … kognitive Dissonanz, wissen Sie?
Also musste sie ihren Ursprung ein bisschen früher haben, in einer Zeit, als Heilkunst noch etwas mit Handarbeit zu tun hatte. Zugleich jedoch wollte ich, dass sie aus einer Zeit kommt, in der die drei großen Fortschritte der modernen Medizin bereits existierten: Keimfreiheit, Antibiotika und Narkose. (Sie musste keine Zeitgenossin der Leser sein, doch ich war der Meinung, dass es gut sein würde, wenn sie einige Grundvoraussetzungen mit ihnen gemeinsam haben würde. Es ist gut, wenn sich ein Leser in eine Figur hineinversetzen kann – was nicht unbedingt bedeuten muss, dass er sich mit ihr identifiziert.) Nun gab es zwar gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts Narkosemethoden, und man wusste von Keimen und Bakterien, aber Antibiotika (Penizillin) wurden zwar 1896 entdeckt und begannen ab 1927, sich durchzusetzen, doch weit verbreitet wurden sie erst auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs benutzt. Das kam mir passend vor, denn ich hatte den Eindruck, dass diese Person kein hysterisches Weichei war; sie war eindeutig ein Mensch, der zupacken konnte, weil er Erfahrungen hinter sich hatte, die es ihr ermöglichten, mit den Unbilden der schottischen Highlands im achtzehnten Jahrhundert fertigzuwerden. Und es gab zwar Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Ärztinnen, doch sie waren alles andere als die Regel. „Ah“, habe ich also gesagt. „Sie war eine Lazarettkrankenschwester aus dem Zweiten Weltkrieg.“ Und das war sie auch.
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>> Als Frau des zwanzigsten Jahrhunderts hat Claire ein anderes Feingefühl als die Charaktere aus dem achtzehnten Jahrhundert, mit denen sie zusammenlebt. Sie benutzen sie in den Büchern immer wieder, um potentiell kontroverse Themen anzuschneiden. Ein solches Thema, dass Sie – in DIE GELIEHENE ZEIT und in DER RUF DER TROMMEL – ansprechen, sind Abtreibungen. Finden Sie es wichtig, solche Themen zu erörtern? Warum?
> Selbstverständlich. Aber es ist nicht so, dass ich das Bedürfnis habe, „solche Themen zu erörtern“ — es ist so, dass so etwas im richtigen Leben vorkommt. Die Menschen werden seit Beginn der Menschheitsgeschichte mehr oder weniger von denselben Dingen bewegt – und glauben Sie mir, ein Kind zu bekommen, bewegt einen sehr, ob man es sich wünscht oder nicht. Doch die Faszination eines guten historischen Romans liegt darin zu sehen, wie die Menschen anderer Zeiten mit vertrauten Problemen umgehen.
Für mich besteht die Hauptfunktion historischer Romane (abgesehen davon, dass sie die Leser unterhalten sollten, was eigentlich keiner Erwähnung bedürfen sollte) darin, Perspektive zu schaffen – wie sind wir von da, wo wir herkommen, dort hingekommen, wo wir sind? (Eine wichtige Schlussfolgerung daraus ist die ketzerische Ansicht, dass „modern“ nicht unbedingt immer „besser“ ist, was kulturelle Einstellungen betrifft.)
Was die Vorstellung angeht, dass ich Claire benutze, um kontroverse Themen aufs Tapet zu bringen … ha. Wenn überhaupt, benutzt sie mich. Ich wehre mich absolut gegen die Vorstellung, dass ein Schriftsteller das menschliche Leben hauptsächlich benutzen sollte, um Gesellschaftskritik zu betreiben. Das menschliche Leben ist Gesellschaftskritik, und die Aufgabe eines Schriftstellers besteht darin, den Charakteren und ihrer Situation treu zu sein – und die Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen zu lassen.
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>> Sie sagen, Claire hätte sich strikt geweigert, etwas anderes als eine moderne Frau im achtzehnten Jahrhundert zu sein, als Sie angefangen haben, FEUER UND STEIN zu schreiben, und dass die Zeitreise die einzige logische Methode zu sein schien, ihre Handlungsweise zu erklären. Was war der größte Stolperstein, auf den Sie gestoßen sind, nachdem Sie beschlossen hatten, einen Zeitreiseroman zu schreiben.
> Nun, ich würde es eher als schriftstellerische Herausforderung bezeichnen, nicht als Stolperstein. Der Handlungsverlauf eines Romans wird nun einmal von den Dingen diktiert, die die Hauptfiguren antreiben. Sobald Claire zur Zeitreisenden geworden war, änderten sich natürlich die Prämissen ihres Charakters. Die Fähigkeit, zu einer anderen Zeit zu existieren, muss eine Figur gezwungenermaßen prägen; man kann nicht einfach verkünden, dass diese Person eine Zeitreisende ist, und dann die Geschichte erzählen, ohne weiter darauf einzugehen als mit Unterschieden in der Sprache und der kulturellen Wahrnehmung.
Die erste Frage ist natürlich: Warum befindet sich diese Person in einer anderen Zeit? Das heißt, war es Absicht (á la H.G. Wells‘ DIE ZEITMASCHINE oder Jack Finneys VON ZEIT ZU ZEIT) oder war es Zufall (wie in den meisten Zeitreise-Romanzen, die man heutzutage findet)?
Das, was in einer Geschichte passiert, wird nun einmal davon diktiert, was die Hauptfiguren wollen. Und jemand, der mit Absicht durch die Zeit reist, wird mit ziemlicher Sicherheit etwas wollen – den Verlauf der Historie ändern oder vielleicht auch nur einem bedeutenden historischen Ereignis beiwohnen –, während jemand, dem es zufällig widerfährt, wahrscheinlich nur das eine will: zurück. In FEUER UND STEIN ist Claires Wunsch, zu Frank zurückzukehren, der Hauptantrieb für alles, was sie in der ersten Hälfte des Buches tut.
Von diesem Ausgangspunkt kann sich die Geschichte in alle möglichen Richtungen entwickeln, doch die Tatsache der Zeitreise wird ihr Dreh- und Angelpunkt bleiben und sowohl die Haupthandlung als auch viele Details beeinflussen.
Doch wie gesagt war das nur eine Herausforderung – wie würde sich diese Geschichte entwickeln, nun da sie zum Teil auf einer Zeitreise beruhte? –, kein Stolperstein.
Der Punkt, an dem die Zeitreise ein Stolperstein wurde, war, als es darum ging, das Buch/die Bücher zu vermarkten. Ohne dieses (alles andere als unwichtige) Element wären die Bücher der Highland-Saga einfach nur historische Abenteuerwälzer – in einer Liga mit (oder zumindest auf demselben Regal wie) James Michener, James Clavell, Wilbur Smith oder Colleen McCullough. Und was die historischen Ereignisse, Hintergründe und die Genauigkeit der Recherche betrifft, sind sie auch genau das.
Fügt man den Zeitreiseaspekt hinzu, geraten die Buchhändler in die Bredouille. Nun, ein Zeitreisebuch – also kann es nur Science Fiction sein! Oder vielleicht Fantasy. Doch das sind die Bücher nicht. Die Zeitreise ist sicherlich ein wichtiges Element der Geschichte – aber sie steht nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, so wie es in einem Science-Fiction-Roman wäre. Sie ist einfach nur ein integraler Bestandteil von Claires Charakter – genug, um die Bücher aus dem Bereich der Historienromane zu verbannen, aber ob es schon für Science Fiction reicht?
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>> Unterhalten wir uns über eine andere Figur, die zunehmend ins Zentrum rückt: Wie haben die Fans reagiert, als der erste LORD-JOHN-Roman erschienen ist? Warum haben Sie sich entschieden, seiner Geschichte in einer eigenen Serie zu folgen?
> Nun, die Reaktionen waren vorhersehbar. Immer, wenn der Autor einer erfolgreichen Serie etwas anderes schreibt, reagiert die Hälfte der Leserschaft begeistert („Endlich schreibt sie über etwas anderes als über diese ächzenden alten Sex-Besessenen!“) und die andere Hälfte ist nicht davon abzubringen, dass der Autor seine Zeit verschwendet („Ich will nur von Jamie und Claire lesen; was interessiert mich irgendein Homo …“). Ich würde allerdings sagen, dass deutlich über die Hälfte der „Saga“-Leser auch die Lord-John-Bücher gekauft haben (und sie ihnen glücklicherweise gefallen haben), und (ebenfalls glücklicherweise) die Fangemeinde dieser Bücher wächst kontinuierlich mit jedem neuen Buch – was genau das ist, was auch mit der großen Serie passiert ist.
Allerdings sind die Lord-John-Bücher ja auch keine Abkehr von der eigentlichen Serie, sondern sie fügen sich in deren Ablauf ein (wenn auch quasi auf lotrechte Weise). Sie überschneiden sich mit der Handlung der großen Bücher und ergänzen sie, indem sie einige Lücken füllen. Zwar steht Lord John in ihrem Zentrum, doch sie nehmen nicht nur Bezug auf die Hauptfiguren der Highland-Saga, sondern diese treten auch darin auf (Jamie Fraser ist eine wichtige Nebenfigur in DIE SÜNDE DER BRÜDER und wird zur Hauptfigur in DIE FACKELN DER FREIHEIT, genau wie Lord John eine wichtige Nebenfigur in mehreren der großen Romane ist).
Und was die tieferen Schichten historischer Erzählungen betrifft – auf diese Weise liefert uns Lord John die englische Sichtweise auf Konflikte wie den Jakobitenaufstand und den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, so dass der Leser einen detaillierteren (und akkurateren) Eindruck von der Periode und den Ereignissen bekommt.
Es gibt Leser, die Probleme mit dem haben, was sie beharrlich Lord Johns „Lebensstil“ nennen (ein schwuler Freund von mir hat dazu einmal gesagt: „Genau, ich bin einfach eines Morgens aufgewacht und habe mir gesagt, oh, ich glaube, ich suche mir einen Lebensstil, der die Auswahl meiner Partner deutlich einschränkt, mich dem Risiko einer tödlichen Krankheit aussetzt und mir Prügel einbringt, wenn ich in die falsche Kneipe gehe – einfach so zum Spaß.“). Das ist ihr gutes Recht; nicht jedes Bucht ist das Richtige für jeden Leser. Andererseits scheinen viele Leser jetzt besser mit John Grey zurechtzukommen, nachdem sie ihn in seiner eigenen Welt erlebt haben und mehr über sein Leben und seinen Charakter erfahren haben.
Und rein technisch betrachtet ist Lord John aufgrund der Konflikte, die er mit sich bringt, ein gefundenes Fressen für einen Schriftsteller. Er ist ein Homosexueller in einer Zeit und einer Kultur, in der darauf die Todesstrafe steht. Also lebt er ständig in der Gefahr, bloßgestellt zu werden. Gleichzeitig jedoch verkörpert er beispielhaft die Tugenden dieser Zeit: er ist ein pflichtbewusster Ehrenmann, seiner Familie, seinem König und seinem Land treu ergeben, ein erfahrener, mutiger Soldat – und er ist sich seiner selbst bewusst, ein Mann der Aufklärung, der sich für Logik und Wissenschaft interessiert und daher seine eigene Natur auch als Frage der Natur hinnimmt, nicht als Frage der Theologie. Bedenken Sie einmal, welche Charakterstärke dazu gehören muss, sich selbst zu kennen und zu akzeptieren und sein Leben für das Vaterland und seine Kultur aufs Spiel zu setzen – wenn einen besagtes Vaterland und seine Kultur davon in Kenntnis setzen, dass man ein perverser Verbrecher ist, auf den die Hölle wartet.
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Geschichte, Biologie und Familienbande
>> Ihre Bücher werden auf der ganzen Welt mit großer Begeisterung gelesen. Vor allem in Deutschland haben Sie aber viele treue Fans. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Deutschen Ihre Bücher so mögen?
> Mehrere – die allerdings auf reiner Spekulation beruhen. Ein Journalist meinte, dass die Bücher die Deutschen ansprechen, weil sie auch einmal eine „Krieger“kultur hatten und sich daher von der durch Kampfgeist und Heldentum geprägten Kultur der Highlands angesprochen fühlen. Ich glaube, daran könnte etwas Wahres sein – genau wie daran, dass beiden Kulturen eine lange Geschichte voller Mythen und Magie gemeinsam ist.
Darüber hinaus – und hier möchte ich wirklich niemandem zu nahe treten – glaube ich, dass sich die Deutschen vielleicht allgemein für historische Romane (und für meine Bücher im Besonderen) interessieren, weil ihre eigene jüngere Geschichte (im zwanzigsten Jahrhundert) so traumatisch war, dass sie sie noch nicht mit dem nötigen Abstand betrachten können. Und doch … brauchen Menschen eine Verbindung mit der Vergangenheit, einen historischen Kontext, in dem sie sich selbst betrachten können. Vielleicht fühlen sich die deutschen Leser von der Vergangenheit angezogen und suchen diese Verbindung nun zur Historie anderer Zeiten und Orte.
Außerdem hat man mir erzählt – und es waren Deutsche –, dass das Bildungssystem den Kindern einimpft, dass Nationalismus grundsätzlich schlecht ist und vermieden werden muss. Und doch .. ist die nationale Identität ein tiefgehender Instinkt.
Ich kann verstehen, warum das heutige Deutschland in vielerlei Hinsicht Probleme mit der Idee des Nationalismus hat – und ich möchte hier auch nicht weiter spekulieren, da ich ja keine deutsche Staatsbürgerin bin und meine Vermutungen nur auf die Meinungen einiger weniger Bekannter stützen kann. Doch wenn es tatsächlich so ist … vielleicht ist einer der Gründe für die Popularität der Bücher in Deutschland ja die Tatsache, dass wir es hier mit dem achtzehnten Jahrhundert zu tun haben und Zeugen der vielen Fragen nationaler Identität werden – ihres Verlustes, ihrer Entstehung und dessen, was sie für unterschiedliche Menschen bedeuten kann.
Das ist aber alles nur geraten. Vielleicht ist es ja auch einfach nur so, dass die deutschen Leser – genau wie alle anderen – ihre Freude an einer guten Geschichte haben.
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>> Halten Sie es als Expertin für Meeresbiologie für möglich, dass ein Wesen wie das Ungeheuer von Loch Ness heute existiert?
> Genau das hat mich vor Kurzem eine Sechstklässlerin aus Pittsburgh auch gefragt. Hier sind ihre Fragen und meine Antworten:
„Liebe Frau Dr. Gabaldon,
ich bin Schülerin der sechsten Klasse an der Falk School in Pittsburgh, Pennsylvania. In der Schule arbeiten wir gerade an einem Projekt namens „I-Search“. Dabei recherchieren wir ein bestimmtes Thema und schreiben einen Aufsatz darüber. Mein Thema ist das Ungeheuer von Loch Ness. Ich hoffe, dass Sie mir vielleicht ein paar Fragen darüber beantworten können, weil ich weiß, dass Sie Bücher über Schottland schreiben. Meine Mutter ist ein großer Fan davon, und sie sagt, Sie hätten das Ungeheuer in einem der Bücher erwähnt.
Wenn Sie diese Fragen beantworten könnten, wäre ich sehr dankbar. Wenn nicht, ist das auch okay. Ich weiß, dass Sie sehr beschäftigt sind.
Waren Sie schon einmal am Loch Ness?
Glauben Sie an das Ungeheuer von Loch Ness?
Warum oder warum nicht?
Wenn ja, was glauben Sie, was für ein Lebewesen es ist?
Kennen Sie jemanden, der glaubt, dass er Nessie gesehen hat?
Wenn ja, wie hat es ausgesehen?
Wenn nicht, wie stellen Sie es sich vor?
Welche Rolle hat das Ungeheuer in Ihrem Buch gespielt?
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Ungeheuer in Ihrem Buch auftreten zu lassen?
Finden Sie, dass Wissenschaftler weiter nach Spuren des Ungeheuers suchen sollten?
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen. Ich hoffe, dass ich eines Tages auch Schriftstellerin werde.
Mit freundlichem Gruß
Olivia“
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Liebe Olivia,
nun, dann wollen wir einmal sehen …
Ja, ich war schon einmal am Loch Ness. Es ist riesig! Sehr, sehr tief, und bei gutem Wetter ist es dunkelblau – bei schlechtem Wetter ist es unter bewölktem Himmel beinahe schwarz.
Ich bin mir nicht sicher, was das Ungeheuer angeht. Rein wissenschaftlich betrachtet wahrscheinlich nicht – zumindest nicht, wenn das Ungeheuer wirklich so groß ist, wie es beschrieben wird. Ich habe einmal eine Analyse gelesen, wieviel Biomasse in dem See entsteht, und es ist nicht genug, um einen Bestand von Lebewesen dieser Größe zu ernähren (und es kann nicht nur ein Ungeheuer geben, es sei denn, es ist unsterblich, und wir kennen keine unsterblichen Wesen aus Fleisch und Blut). Denn man bräuchte einen Bestand, der groß genug ist, um sich zu vermehren, sonst würden sie aussterben.
Andererseits … ich weiß ja nicht, wieviel Dir Deine Mutter über meine Bücher erzählt hat, aber ein wichtiger Handlungsfaden hat etwas mit Zeitreisen zu tun. Wenn man glaubt, dass Zeitreisen möglich sind – und das glauben sowohl Stephen Hawking als auch ich – dann braucht man weder eine bestimmte Futtermenge noch eine größere Anzahl von Ungeheuern. Alles, was man braucht, ist ein Zeitportal unter dem See, das hin und wieder ein prähistorisches Wesen durchlässt.
OK, wenn das so ist, dann könnte das Ungeheuer gut ein Plesiosaurus, ein Elasmosaurus oder ein anderes prähistorisches Wasserreptil sein. Wenn wir nur von dem am häufigsten veröffentlichten Foto des angeblichen Ungeheuers ausgehen, würde ich auf einen Plesiosaurus tippen.
Ich kenne zwar niemanden, der das Ungeheuer gesehen hat, aber ich bin in Schottland schon vielen Leuten begegnet, die glauben, dass es da ist.
In einem meiner Bücher gibt es eine Szene, in der die Heldin (eine Krankenschwester aus dem Zweiten Weltkrieg, die ein Zeitportal in einem Steinkreis in den Highlands durchschreitet und im Jahr 1743 auskommt) das Ungeheuer von Loch Ness sieht, als sie zum See geht, um Wasser zu holen. In einem späteren Buch unterhält sie sich mit dem Freund ihrer Tochter und sagt ihm, dass sie glaubt, dass das Tier, das sie gesehen hat, ein Plesiosaurus war und dass es vielleicht auf dieselbe Weise dorthin gekommen ist wie sie – aber durch ein Portal unter Wasser.
Wie ich auf die Idee gekommen bin? Ich bin versucht zu sagen, es war nur eine Laune, denn das war es zumindest zum Teil. Doch das ist noch nicht alles. In den Sagen der Highlands gibt es ein Wesen, das man Wasserpferd nennt; es ist ein übernatürliches Wesen, das in größeren Gewässern lebt und sehr gefährlich ist; es gibt viele Erzählungen darüber. Ich habe beim Schreiben viel über schottische Traditionen recherchiert und fand, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Ungeheuer und dem viel älteren Glauben an die Wasserpferde gab. Und mir wurde klar, welche Symbolkraft es hat, wenn diese Frau, die aus ihrer eigenen Zeit herausgeschleudert wird, einem Wesen begegnet, das ebenfalls heimatlos ist – oder das vielleicht ein Omen für sie sein könnte.
Nun, bevor ich Schriftstellerin geworden bin, war ich Wissenschaftlerin (ich habe einen Abschluss in Ökologie, einen in Meeresbiologie und einen in Zoologie), und ich finde, Wissenschaftler sollten alles erforschen, was sie interessant finden. Und Loch Ness ist ja schon mehrfach mit Radar- und Sonargeräten untersucht worden. Aber man kann in diesem Fall nicht das Gegenteil beweisen (das ist übrigens eine Grundvoraussetzung der wissenschaftlichen Arbeitsweise; man muss eine falsifizierbare Hypothese haben. Das heißt, man muss eine Idee haben, von der es theoretisch möglich zu beweisen, dass sie falsch ist. Deshalb ist auch Kreationismus keine Wissenschaft – das geht nicht; man kann ja nicht beweisen, dass Gott nicht existiert. Also hat man keine falsifizierbare Hypothese); es ist immer möglich, dass dort etwas ist und wir es nur noch nicht gefunden haben. Die Chancen stehen zwar dagegen, aber ein einziges Ungeheuer würde ja schon reichen.
Viel Glück mit Deinem Aufsatz! (Es gibt übrigens ein Museum über das Ungeheuer in Drunmadrochit am Rand von Loch Ness. Schau doch einmal bei Google nach, ob es eine Website hat.)
Mit den besten Grüßen
Diana
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>> Es gibt mehrere Themen, die in der ganzen Serie eine Schlüsselfunktion zu haben scheinen. Eines davon sind „Familienbande“. Können Sie dazu kurz etwas sagen?
> Ich und kurz? Wie kommen Sie denn darauf? (lacht)
Im Grunde hatte ich gar nicht vor, eine “Saga” zu schreiben – eigentlich wollte ich nur ein Buch schreiben, um zu lernen, wie man einen Roman schreibt. Es gibt allerdings einen Grund, warum die Worte “kurz” und “Diana Gabaldon” nicht zusammen passen – weil mir noch nie eine Möglichkeit untergekommen ist, die mir nicht gefallen hat – und ob das nun gut oder schlecht ist, ich bin mit dem Talent zur Welt gekommen, mir Möglichkeiten auszumalen.
Wenn man mit lebenden Menschen zu tun hat, bekommt man es auch mit den Möglichkeiten zu tun, die der Tatsache innewohnen, dass Menschen gesellige Wesen sind, dass sie Beziehungen knüpfen und Familien gründen. Und oft wird das ganze Leben und Handeln eines Menschen von den Verwicklungen – gut und schlecht – geprägt, die aus dem Wunsch nach einem Familienleben und aus dem Familienleben selbst entstehen.
Doch Familienbande sind ein zweischneidiges Schwert; die Menschen tun die Dinge, die sie tun, hauptsächlich, weil sie sich einen Partner wünschen, weil sie sich Kinder wünschen, weil sie ihre Familie beschützen wollen und für die Sicherheit und das Wohlergehen dieser Familie sorgen wollen. Doch wenn sie erst eine Familie haben, beginnt die Existenz dieser Familie ihrerseits, das Individuum zu beeinflussen.
Ein Mann mit einem Sohn hat andere Sorgen und Prioritäten als ein Mann, der keinen Sohn hat; eine Frau, die Großmutter wird, betrachtet das Leben – und den Tod – anders als eine Frau, die unverheiratet geblieben ist. Eine Tochter, die herausfindet, dass sie einen Vater hat, dem sie nie begegnet ist, wird fast alles tun, um ihn zu finden, auch wenn sie dabei ihr Leben riskiert. Ein Sohn, der herausfindet, wer sein Vater wirklich ist, wird vielleicht alles tun, um das abzuleugnen, sogar bis hin zum Mord. Ein Kind, das ohne Eltern aufwächst, wird sich irgendwie welche suchen.
Im Allgemeinen glauben die Leute, dass sich Familienbande von einer Generation zur nächsten erstrecken. Doch in Wirklichkeit sind sie ein wachsendes Netz aus Handlungen und Gefühlen, das alle Individuen beeinfluss, die es umfasst, von der Geburt bis zum Tod – und weit darüber hinaus.
Das ist einer der Gründe, warum meine Bücher immer länger werden (nein, es liegt nicht nur daran, dass ich keine Scham kenne und Selbstdisziplin für mich ein Fremdwort ist); je größer die Familie wird und je älter ihre Mitglieder, je komplexer wird die Geschichte – und je interessanter.
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Kontinente und Innenwelten
>> Wünschen Sie sich Reaktionen von Ihren Lesern, ganz gleich ob positiv oder negativ? Wünschen Sie sich einfach nur, dass die Leute Freude an Ihren Büchern haben? Oder hätten Sie gern, dass sie Ihre Charaktere genau so begreifen wie Sie es tun?
> Interessante Frage. Es klingt zweifellos arrogant oder naiv zu sagen, dass es eigentlich keine Rolle spielt – und es wäre auch nicht ganz wahr.
Es ist wahr, dass ich beim Schreiben nicht an die Leser denke. Erstens ist es ein Ding der Unmöglichkeit zu erraten, was die Leser im Allgemeinen wohl gern hätten – und selbst wenn ich in einer bestimmten Situation eine ganz gute Vorstellung davon habe, was sie gern hätten, habe ich deshalb noch lange nicht die Absicht, das auch zu tun. Die Geschichte und ihre Figuren folgen ihrer eigenen, rücksichtslosen inneren Logik, und ich bin in allererster Linie meinem Buch verpflichtet, nicht meinen Lesern.
Und da jeder Leser sein eigenes Wissen, seinen eigenen Hintergrund, seine Bildung, seine Kultur und seine Erwartungen mitbringt, wenn er das Buch liest, erlebt auch jeder das Buch auf seine ganz eigene Weise. Ich kann nicht im Voraus wissen, wie dieses Erlebnis aussehen wird, und es kommt mir doch anmaßend vor zu glauben, dass ich es manipulieren kann, zumindest über die normale Wirkung einer gut erzählten Geschichte hinaus (das heißt, ich kann wahrscheinlich dafür sorgen, dass die Leute nicht aufhören weiterzublättern. Und ich denke schon, dass ich ihre Aufmerksamkeit mit technischen Mitteln hierhin oder dorthin lenken kann. Das heißt aber nicht unbedingt, dass ich Einfluss auf ihre Reaktionen habe).
Natürlich ist es immer sehr befriedigend, wenn tatsächlich jemand einen der weniger augenfälligen Aspekte der Geschichte genau so wahrnimmt und empfindet wie ich. Und es kommt nicht selten vor, dass ich mir an den Kopf fasse und (in der Zurückgezogenheit meines Büros) vor mich hinfluche, wenn ich eine E-Mail oder eine Web-Nachricht lese, die eindeutig zeigt, dass der eine oder andere Leser beim Lesen irgendetwas geraucht haben muss, weil er sonst unmöglich gedacht haben könnte, dass …
Schön und gut. Ein Buch wirkt auf jeden anders. Es kann sogar bei wiederholtem Lesen auf denselben Menschen anders wirken.
Ich bekomme Post von Menschen, die sich bei mir bedanken, weil das eine oder andere meiner Bücher ihnen bei einer schmerzhaften Erkrankung oder bei großem Kummer Ablenkung gespendet hat – unter meinen kostbarsten Leserbriefen befindet sich ein zerrissenes Stück Papier mit der Bleistiftnotiz einer Leserin, die mir in der Folge des Hurrikans Andrew (wissen Sie noch, als das der schlimmste Sturm war?) aus einem Schutzraum schrieb. Sie hatte nur die Kleider mitgenommen, die sie am Leib hatte, und das Buch, das sie gerade las – es war zufällig FEUER UND STEIN, und sie schrieb, es hätte verhindert, dass Sorge oder Klaustrophobie sie verrückt machten, und um mir das mitzuteilen, benutzte sie etwas von dem Papier, das man den Kindern in dem Schutzraum zum Malen gegeben hatte.
Dann gibt es Menschen, die sich aus dem einen oder andere Grund persönlich von den Büchern angesprochen fühlen: zum Beispiel die Frau, die mir geschrieben hat, um mir vom Selbstmord ihres Schwagers zu erzählen. Er hatte sich im Wohnzimmer mit einem Schießeisen das Hirn weggepustet, und nachdem man die Leiche antransportiert und die Schwester der Frau weggebracht und unter Beruhigungsmittel gesetzt hatte, wurde ihr klar, dass irgendjemand das Wohnzimmer würde putzen müssen, bevor ihre Schwester es wieder betrat. Also hat sie sich gesagt, wenn Claire so etwas kann, kann ich es auch, und sie hat es getan. (Ich hätte es wahrscheinlich von einer Firma machen lassen, aber es war trotzdem heldenhaft von ihr.)
Oder die Frau aus Asien, die mir geschrieben hat, dass sie ihr Leben lang Schuldgefühle hatte, weil sie keine Kinder bekommen kann, weil die Familie in ihrer Kultur eine solch große Rolle spielt – dass es ihr aber besser geht, seit sie meine Bücher gelesen hat, weil ihr klar geworden ist, dass Familie nicht nur etwas mit Abstammung zu tun hat, sondern etwas viel Bedeutenderes ist.
Ich bin bestimmt nicht ausgezogen, um Eheberaterin zu werden (hust), aber ich bekomme viele Briefe von Frauen und Männern, die mir sagen, wie die Bücher ihren Ehen auf die Sprünge geholfen haben – manchmal in rein körperlicher Hinsicht, manchmal aber auch, weil sie gelernt haben, ihren Partner mit neuen Augen zu sehen und ihn als das zu schätzen, was er ist.
Manche Leser finden darin einfach nur die eine oder andere interessante und akkurate Tatsache zu einem unterhaltsamen Thema – das ist durchaus meine Absicht, ja.
Wie auch immer … natürlich möchte ich, dass die Bücher etwas in den Lesern hervorrufen, und es wäre mir lieber, wenn es etwas Positives oder zumindest Vernünftiges wäre – aber das ist natürlich nicht immer möglich.
Und natürlich verblüfft es mich, wenn Leser die Figuren völlig anders verstehen als es meine Absicht war – doch auch das liegt oft an ihrem Hintergrund oder ihrem Alter. (Ich habe eine ganze Zeitlang Post von Frauen bekommen, die nicht davon abzubringen waren, dass Brianna ein verwöhntes Blag ist, und sich endlos darüber ausgelassen haben, wie unsympathisch sie ihnen war. Ich fand das sehr merkwürdig und habe immer gefragt, warum sie so empfanden – ob sie mir Textstellen zeigen konnten, an denen Brianna etwas tat oder sagte, das diesen Eindruck hinterließ? Das konnten sie nie, aber hin und wieder hat eine von ihnen widerstrebend eingeräumt, dass sie sie an ihre eigene Jugend erinnerte und sie verwöhnte Blagen gewesen waren.)
Im Großen und Ganzen lautet die Antwort wohl, dass ich in der Tat auf eine Reaktion der Leser hoffe – ob sie nun emotional oder intellektuell ist, ob positiv oder negativ. Am liebsten wäre mir natürlich, sie wäre positiv; abgesehen davon, dass es generell wünschenswert und außerdem gut für mein Ego ist, wenn das, was ich schreibe, den Leuten gefällt, nimmt es viel Zeit und Energie in Anspruch, wenn sie mir schreiben, weil es ihnen nicht gefällt.
Aber die Bücher sind umfangreich, komplex und mit Absicht in mehreren Schichten angelegt. Manche Leser werden niemals mehr sehen als die obere Schicht – die aufregende Abenteuergeschichte voller Gewalt, Sex und Romantik. Andere werden tiefer blicken – doch was sie dann finden, hängt genau so sehr von ihnen selbst ab wie von mir.
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>> Ihre Bücher werden von Menschen aller Altersgruppen und Schichten verschlungen. Was glauben Sie, warum?
Ich bin noch nicht auf die Idee gekommen, nach einer Erklärung dafür zu suchen; ich bin einfach nur dankbar dafür. Doch jetzt, da Sie fragen – die Bücher scheinen so gut wie jeden anzusprechen: Männer, Frauen, jüngere oder ältere Menschen. Heterosexuelle, Homosexuelle, Bisexuelle (ich habe auch schon sehr nette Fanpost von einem Hermaphroditen bekommen), Soldaten (anscheinend sind die Bücher bei den Truppen im Irak und in Afghanistan sehr beliebt), Ärzte, Krankenschwestern, Naturheiler, Büroangestellte, Lastwagenfahrer (die von den Hörbüchern begeistert sind) … und so weiter.
Wissen Sie, die beste Metapher, die mir für das einfällt, was ich tue, ist die Erschaffung von Kontinenten.
Anfangs hat man nichts vor sich als ein konturloses Meer, das sich bis zum Horizont erstreckt. Doch da! In weiter Ferne beginnt ein unterirdischer Vulkan Rauch und Lavabrocken zu spucken! Dann noch einer – und noch einer!
Wenn dann die Lava an den Bergwänden hinunterrollt und zischend im Meer versinkt, steigen riesige Dampfwolken auf und versperren vorübergehend die Sicht. Doch wenn sich der Regen und der Dampf verziehen, sieht man die Inseln, die um die Vulkane herum entstanden sind – Atolle, Lagunen, Inselchen … die Berge werden höher, die Inseln größer, es bildet sich Vegetation, und sie werden von Tieren besiedelt – und während sich das Land hebt und das Wasser zurückweicht, sieht man allmählich die Umrisse und die Form des Kontinentes, der darunter liegt. Hier versinkt der Abhang eines Vulkans im Wasser, dort erhebt sich ein neuer … so dass man allmählich darauf schließen kann, wie das verborgene Land aussehen muss, das zwischen ihnen unter der Wasseroberfläche liegt.
Wenn dann alles fertig ist, hat man Bergketten aus Konflikt und Spannung und Täler voll lyrischer Ruhe. In den Mulden bleiben kleine Seen bestehen – das sind die Tiefen, in denen die Symbolik, die moralischen Fragen und die subtileren Themen des Buches unter der Oberfläche lauern und warten, dass jemand nach ihnen taucht. Und wenn sich der Leser über einen dieser rätselhaften Wasserspiegel beugt … sollte er sich selbst darin sehen.
Ich glaube, dass viele Menschen ihr Spiegelbild in diesen Büchern sehen.
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