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Der zweite Advent (jetzt mit Link zum Veranstaltungs-Video)…

Der zweite Advent …

Heute ist der zweite Sonntag im Advent, und die Kerze für diesen Sonntag wird üblicherweise “Friede” genannt. In der Winterzeit scheint sich die Welt langsamer zu drehen, und die Nächte werden länger und bieten uns einen Ruheraum, in dem wir nachdenken oder beten können oder einfach nur sein …

[Wir waren letzte Woche ein paar Tage unterwegs, also habe in unserem Quartier mit Dingen aus dem Garten einen Adventskranz improvisiert. Er besteht aus drei Nadelbüscheln einer Torreykiefer (glaube ich), abgesetzt mit roten Feuerdornbeeren und einem Salbeizweig.]

ANMERKUNG

Den Auszug, den ich hier benutze, habe ich vor ein paar Tagen für die OUTLANDER-Veranstaltung der Bibliotheken in Wake County benutzt. Es war eine Online-Veranstaltung, die auf tausend Teilnehmer begrenzt war – die Bibliothekar:innen arbeiten jetzt daran, die Aufzeichnung für die anderen zweitausend zu veröffentlichen, die nicht dabei sein konnten. Sobald diese Aufzeichnung abrufbar ist, stelle ich den Link zur Verfügung.

(Update – hier ist der Link: https://vimeo.com/1145332639?fl=pl&fe=cm )

Bis es aber so weit ist … fand ich diesen Textauszug passend, nicht nur, weil er Jamie und William etwas Frieden bringt, sondern auch, weil er, nun ja … noch Stückwerk ist 🙂

Wenn ich schreibe und die Figuren von sich aus reden – miteinander oder mit mir – halte ich mich nicht mit “Ausfüllen” aus, mit den Beschreibungen und der Atmosphäre. Ich mache mir nur in eckigen Klammern Notizen über meine Gedanken und beschäftige mich später damit, die Struktur der Szene zu vollenden.

In diesem Fall war es dadurch, dass ich laut gelesen habe, einfacher, das zu benutzen, was Ihr im Folgenden sehen werdet (ich meine, Hörspiele kommen auch ohne Beschreibungen aus). Wenn ich die Szene fertig ausgefüllt habe (keine Hektik), poste ich sie ganz, aber fürs erste …

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AUSZUG aus OUTLANDER BUCH ZEHN, (c) Diana Gabaldon & Barbara Schnell

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So sehen die Dateien aus, mit denen ich arbeite. (Die Zahlen stehen für die Anzahl der Worte am Ende eines Tages, damit ich das Gefühl habe, dass ich Fortschritte mache …)

JAMIE10%.N16

1417

1373

1177

950

857

457

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Während ihres spärlichen Frühstücks sprachen sie nicht viel; sie fühlten sich beide zunehmend gedrängt. William hatte zwar den Eindruck, dass sie gut voran kamen, wurde aber bei seinen Einschätzungen behindert, weil er nicht genau wusste, wo sie waren. Doch sie bewegten sich definitiv bergab, und die Wälder schienen weniger dicht zu sein. Fraser hatte gesagt, sie würden vermutlich in zwei Tagen das Vorgebirge erreichen, wo die Straßen besser waren und sie schneller reisen würden. William hoffte es.

So sehr ihn der weite Weg und gelegentliche Schwierigkeiten in Form von Flussquerungen, umgestürzten Bäumen und Unterspülungen verdrossen, hielten ihn diese Schwierigkeiten doch vorübergehend vom Denken ab. Nicht oft, aber manchmal.

Die Straße wurde breiter, und Fraser kam an seine Seite geritten.

Fraser sah aus, als dächte er über etwas nach. Nur verständlich, dachte William; er tat das auch. Obwohl er selbst eigentlich vor allem versuchte, nicht über die Dinge nachzudenken. Papa, hauptsächlich, und was ihm wohl widerfuhr – ihm bereits widerfahren sein mochte, in der Zeit, die all das gedauert hatte … was, wenn sie zu spät waren? Was, wenn er schon verletzt worden war – oder getötet? Er schob all diese Gedanken mit großer Heftigkeit beiseite – zum hundertsten Mal – und biss die Zähne zusammen.

Und in dem Moment, als sich sein Kiefer entspannte, war Amaranthus da. Wieder. Er kniff die Augen zusammen.

Verdammte Tat, wie kommst du denn hier herein?, wollte er wortlos wissen. Denn da war sie, lebensecht in seinem Kopf; das Schultertuch hing ihr lose in der Hand, und die Rundung ihrer weißen Brüste verschwand im Schatten ihres Kleides … ihre Augen waren grau geworden, wie sie es taten, wenn sie nachdenklich war oder ängstlich.

“Fort mit dir”, murmelte er. “Hau einfach ab, verdammt!”

“Was?” Frasers Stimme schreckte ihn auf, und Amaranthus verschwand. An ihrer Stelle sah ihn der Schotte ein wenig verwundert an.

“Pferdebremse”, sagte William knapp und strich sich gereizt über das Ohr.

Fraser machte ein Geräusch, welches Akzeptanz signalisierte, und mehr sagten sie nicht, bis sie an einem kleinen Bach anhielten, um die Pferde zu tränken und sich zu erleichtern.

“Ich weiß nicht viel über dein Leben in letzter Zeit”, sagte Fraser beiläufig, als sie sich wieder ans Aufsteigen machten, “und du weißt nicht viel von meinem. Wenn es etwas gibt, was du wissen möchtest, frag, und ich sage es dir. Alles, so lange es mir zusteht, es zu erzählen.”

Ohne eine Antwort abzuwarten, schwang er sich in den Sattel – mit der Eleganz eines viel jüngeren Mannes, dachte William. Er muss mindestens fünfzig sein …

“Danke”, sagte William, denn etwas anderes fiel ihm nicht ein.

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[Zusammentreffen mit den Bösewichtern, die ihre Pferde stehlen – Jamie tötet einen? Der einen blonden Skalp am Gürtel hat.]

“Was …” Williams Mund war trocken, und er musste seine Zunge bewegen, um genug Feuchtigkeit zum Sprechen zu erzeugen. Er wies kopfnickend auf das blonde Haarbüschel, das am Boden lag, zerfranst und verknotet.

Fraser verzog das Gesicht, nickte aber. Er schüttelte ein rauchfleckiges Taschentuch aus, hockte sich nieder und legte das grausige Überbleibsel sanft auf das Tuch, das er sorgsam zu einem Bündel verknotete.

“Wir machen ein Feuer, wenn wir für die Nacht anhalten. Dann sprechen wir ein Gebet und verbrennen es”, sagte er und steckte das Bündel vorsichtig in seinen Rucksack.

“Ich – ja. Lass uns das tun.”

[Das tun sie, und Jamie spricht einen Teil des Gebets für den Weg einer Seele. Sie schweigen eine Weile und sehen zu, wie sich das Haar in Rauch auflöst (es riecht nach verbranntem Haar).

Aus einem Impuls heraus fragt William (einen oder einige Tage später) Jamie, ob sie das Gebet auch für seine Mutter sprechen könnten, wenn sie am Abend halt machen. Jamie sagt natürlich, und nach einem Moment des gemeinsamen Schweigens fragt er William, ob er oft an seine Mutter denkt.]

“Denkst du oft an deine Mutter?”

William holte tief Luft. []

“Hin und wieder. Und du?”

[Reaktion]

“Nicht oft. Aber häufiger, seit du hier bist. Du siehst ihr manchmal ähnlich.”

Sie waren ein paar Stunden geritten, ohne zu sprechen; William hatte die Dinge in seinem Kopf gewälzt, Fraser schien in seinen eigenen Gedanken verloren zu sein. Auf der Straße war es ruhig; sie hatten seit dem Mittag des Vortags niemand anderen gesehen.

[Sie kommen vorübergehend von der Straße ab und finden sich im Dickicht wieder – es geht bergab – das Vorgebirge beginnt?]

“Meine Mutter hat mich nie kennengelernt”, sagte William knapp. “Sie ist gestorben, als ich geboren wurde – das weißt du doch sicher.”

Fraser schüttelte den Kopf.

“Nein, a bhalaich. Sie hat dich kennengelernt.”

“Wie kommst du darauf?”, fragte William abgehackt. Er redete nicht gern über seine Mutter.

“Sie ist am Tag deiner Geburt gestorben, aye”, sagte Fraser. Er hielt die Zügel in einer Hand; mit der anderen schob er tief hängende Äste beiseite, duckte sich darunter hindurch, und seine Worte kamen durch das Laub zurück geschwebt, etwas gedämpft – aber deutlich genug. “Aber nicht bei deiner Geburt.”

William erstarrte im Sattel, und Trajan schnaubte fragend. William trieb das Pferd hastig in das belaubte Geäst und auf der anderen Seite hinaus. Fraser wartete auf ihn, das Gesicht bewusst ausdruckslos.

“Ich – dachte – meine Großmutter hat mir gesagt, dass ich ihren Tod verursacht habe!”

“Nein, das hast du auch nicht getan”, berichtigte Fraser. “Es ging Geneva erst einmal gut, nachdem du gekommen warst, und sie hat da gesessen, dich gehalten – dich liebkost und gelacht. Erst später an diesem Tag – Stunden später – hat die Blutung wieder eingesetzt, und der Arzt konnte sie nicht stillen.”

Er trieb sein Pferd zum Gehen an und bückte sich, um unter dem kräftigen Ast eines Berg-Ahorns hindurch zu reiten. Seine Stimme kam über seine Schulter zurück gedriftet.

“Sie hat dich kennengelernt.”

William fing den Ast nur knapp auf, als dieser zurückschnellte und Blätter auf ihn regnen ließ. [duftend? Wie riecht ein Bergahorn?]

“Das wusste ich nicht.” William fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Hieb ihn den Magen versetzt und dabei etwas Schweres in der Hand gehabt – schwer und doch kostbar, wie ein Goldklumpen. “Ich dachte – sie haben mir gesagt, sie wäre bei meiner Geburt gestorben. Ich dachte, es wäre, ich meine, ihr Tod … wäre bei der Geburt gewesen.” Sein Mund war trocken geworden, und er leckte sich über die Lippen. “Ich wusste nicht, dass sie mich … je gesehen hat.”

“Sie hat dich gesehen”, sagte Fraser mit leiser Stimme. “Und sie hat dich geliebt. Sie wurde dir genommen, aye – aber sie hat dich nicht verlassen. Sie wäre nicht gegangen, hätte sie bleiben können.”

Dieser Satz durchbohrte Williams Herz wie eine Lanze, und er atmete einen Moment durch den Mund. Er konnte nicht sprechen, denn er fürchtete, in Tränen auszubrechen.

[Später …]

“Du hast mich verlassen.”

“Das stimmt.” Fraser zögerte, vielleicht widerstrebend, vielleicht auch nur, um seine Worte abzuwägen. Offensichtlich Letzteres, denn er wandte sich William direkt zu und sah ihm in die Augen.

“Genau wie deine Mutter”, sagte er leise, “wäre ich geblieben – hätte ich es gekonnt.”

William stieß ein Geräusch aus, das nicht ganz “hmpf” war, aber nahe daran. “Du bist nicht gestorben. Was hat dich dann bewogen zu gehen?”

Frasers Mundwinkel zuckte ein wenig, eine Bewegung zu klein für ein Lächeln.

“Als du sechs warst”, sagte er präzise, “fing dein Riecher an zu wachsen.”

“Mein was?”

Fraser berührte seine Nase, lang und gerade, und William berührte reflexiv die seine … lang und ebenso gerade.

“Und deine Augenbrauen sind dicht geworden – nicht rot, Gott sei Dank, aber dicht und geformt wie die meinen. Und deine Augen wurden dunkler.” Er holte tief Luft, fuhr aber fort.

“Du hattest schon immer meine Schultern, seit du stehen konntest, aber bei einem Kleinkind fällt so etwas niemandem auf. Aber dann wurdest du schlanker und größer, deine Beine lang und gerade …”

Er hielt immer und presste einen Moment die Lippen zusammen, als entschiede er, ob er weiter sprechen sollte, doch das tat er.

“Ich habe mit John Grey gesprochen – als ich den Entschluss gefasst habe, dass ich gehen musste. Ich war ja Gefangener der Krone; er hatte mein Ehrenwort – er hatte es arrangiert, dass ich in Helwater arbeitete. Er hat nicht einmal gefragt, warum; was er gesagt hat, war: ‘Alle Männer haben Geheimnisse. Deins geht auf zwei Beinen.’ Wenn er es sehen konnte, würden es andere auch bald sehen können.”

William sah, wie sich Frasers Kehle bewegte, als er einmal schluckte.

“Also habe ich schweigend mein Herz gebrochen”, sagte er leise, “und deins vielleicht auch, wenn auch hoffentlich nicht zu schlimm – und ich bin gegangen. Ich habe … dich verlassen.”

Er holte tief Luft und senkte schließlich den Blick, während er sich leise räusperte.

William öffnete den Mund, doch er konnte nicht mehr tun als durch den Moment zu atmen. Seine Knie schienen nicht mehr mit seinem Körper verbunden zu sein, doch es gelang ihm aufzustehen, seinem Vater den Rücken zuzukehren und davonzugehen. Ein paar Meter weiter stand ein kleiner Kiefernschössling, und dort blieb er stehen. Er hielt sich mit beiden Händen an dem biegsamen, duftenden Stamm mit der rauen Rinde fest, als hinge sein Leben davon ab, nicht loszulassen.

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