Die Kannibalenkunst – Jamie und die Dreierregel
        Gerade hat mir ein männlicher Leser geschrieben, er hätte soeben FEUER UND STEIN zuende gelesen und es schön gefunden -- „bis zu den Kapiteln im Gefängnis“. Ich habe ihm geantwortet, dass ich mir auch Sorgen um ihn machen würde, wenn er die Szenen in Wentworth „schön“ gefunden hätte. Seine Antwort: „Aber warum lässt man denn seinen Helden so leiden? Ich weiß, diese Frage kommt etwas spät, und Sie haben sie bestimmt schon öfter beantwortet, aber ich habe an Leib und Seele mitgelitten.“
        Weil ich auf dem Weg zu einem Abendessen war, habe ich nicht sofort geantwortet, mache mir aber seitdem Gedanken darüber, wie ich es beantworten soll. Die einfache Antwort ist, dass ich es vor meinem inneren Auge so gesehen habe, aber das reicht dem Leser natürlich nicht. Es gibt immer einen Grund, warum sich bestimmte Dinge ereignen oder warum sie notwendig sind, ob ich ihn beim Schreiben schon kenne oder nicht. Was ist also hier der Grund?
        Zum Einen die Tatsache, dass in dieser Geschichte um hohe Einsätze gespielt wird. So gut wie jeder weiß, dass eine Geschichte nur gut werden kann, wenn darin etwas auf dem Spiel steht. Es gibt viel zu viele Thriller und Science-Fiction- oder Fantasy-Romane, die davon ausgehen, dass es unbedingt immer gleich das Schicksal des ganzen Universums sein muss, weil die Autoren Quantität mit Qualität verwechseln. Ganz gleich vor welchem Hintergrund, eine Geschichte, die sich darauf konzentriert, welchen Einfluss bestimmte Ereignisse auf das Leben von ein oder zwei Individuen haben, ist im Allgemeinen viel fesselnder und ergreifender als eine Geschichte, in der alle Welt wild herumrennt, um den Planeten zu retten oder diese Fortuniumbombe in die Finger zu bekommen, die alles vernichten könnte.
        In FEUER UND STEIN wird also von Anfang bis Ende hoch gepokert – auf einer sehr persönlichen Ebene. Natürlich ist das Buch eine Liebesgeschichte und handelt davon, wozu die Menschen um der Liebe willen bereit sind. Claire trifft zum Beispiel die Entscheidung, ihr Leben in der Sicherheit des zwanzigsten Jahrhundert (und nach den Schrecknissen des Zweiten Weltkriegs weiß sie nun wirklich, was diese Sicherheit bedeutet) und den Mann, den sie geliebt hat, aufzugeben. Sie nimmt Entbehrungen, Gefahren und seelischen Schmerz in Kauf, um an Jamies Seite sein zu können.
        Aber die Liebe dieser beiden beruht immer auf Gegenseitigkeit. Sie bedeutet nicht, dass sich ein Partner für den anderen aufopfert. Sie retten sich immer wieder gegenseitig, unter hohem Risiko. Ursprünglich heiratet Jamie Claire, um sie vor Black Jack Randall zu retten. Wäre das etwas Besonderes, wenn Jack Randall keine ernsthafte Bedrohung darstellen würde? Doch er stellt eine ernsthafte Bedrohung da, das erfahren wir aus Jamies Vorgeschichte. Der Mann ist ein waschechter sadistischer Psychopath, der Jamie im Grunde seine Familie genommen und ihm an Leib und Seele schweren Schaden zugefügt hat. Und hier steht Jamie nun und schwört, dass er Claire alles geben wird, was er hat; dass er sie mit seinem Namens und seinem Clan, aber auch mit Händen und Füßen beschützen wird, um sie vor diesem Mann zu retten.
        Dann rettet er sie tatsächlich vor Randall, als dieser sie gefangennimmt und sie in Fort William misshandelt – obwohl er er dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch sein gesamtes Umfeld in große Gefahr bringt und es ihn seelisch und körperlich einiges kostet. „Ich bin an diesen Pfosten gefesselt gewesen, festgebunden wie ein Tier, und sie haben mich ausgepeitscht bis aufs Blut ... Hätte ich heute Nachmittag nicht so ein Mordsglück gehabt, wäre das das Mindeste gewesen, das mir geblüht hätte ... Doch als ich deinen Schrei gehört habe, bin ich zu dir gekommen, obwohl ich nichts hatte als eine leere Pistole und meine Hände.“ Das Risiko steigt; die Bedrohung, die Hauptmann Randall für Jamie (und Claire) darstellt, wächst.
        Eins, zwei, drei. Die Dreierregel. Dies ist eines der wichtigsten Grundmuster einer Erzählung; ein Ereignis lässt den Leser aufmerken. Das zweite (damit verwandte) Ereignis hallt in ihm wider. Doch das dritte trifft ihn mit voller Wucht – WUMM. (Das ist übrigens der Grund, warum es in den typischen Märchen immer um drei Brüder, drei Schwestern, drei Feen geht – und warum die typischen Witze immer mit „ein Christ, ein Moslem und ein Jude“ beginnen. Der Höhepunkt, die Pointe kommt immer beim dritten Durchgang.) Die dritte Begegnung mit Black Jack Randall ist der Höhepunkt, der Moment, in dem es um alles oder nichts geht. Jamie ist in Gefangenschaft geraten und verletzt; Claire ist gekommen, um ihn zu retten, doch dann taucht Randall auf, nimmt sie ebenfalls gefangen und droht ihr mit dem Tod.
        Ok. Diese Drohung muss glaubwürdig sein. Wir müssen also mit eigenen Augen gesehen haben, was Randall Jamie bis jetzt angetan hat; es darf keinen Zweifel geben, dass er auch Claire nicht verschonen würde. Wir können nicht einfach sagen: „Oh, er ist so ein Widerling, man glaubt gar nicht ...“ Wir müssen es glauben, damit wir wirklich begreifen, was Jamie da tut, als er die Überreste seines Lebens gegen Claires Leben eintauscht. (Zeigen, nicht beschreiben, gell?)
        Und weil wir es glauben, fühlen wir Jamies Hoffnungslosigkeit und Claires Verzweiflung.
        Nun gut. Im Lauf des Buches haben wir gesehen, dass die Liebe einen realen Preis hat. Jamie und Claire haben sich ihre Beziehung aufrecht erkämpft, eine Beziehung, die alles, was sie sie gekostet hat, auch wert ist. Hier wird sie auf die letzte Probe gestellt, und Jamie ist bereit zu zahlen, was allem Anschein nach der ultimative Preis sein wird.
        Warum sollte ich das wegwerfen? Ihn um Haaresbreite entwischen zu lassen, bevor er vergewaltigt und gefoltert wird (er weiß genau so gut wie wir, was auf ihn zukommt), würde bedeuten, sein Opfer zu verharmlosen. (Es wäre so wie wenn jemand in Gethsemane auftaucht und zu Jesus sagt: „Hey, Kumpel, eigentlich brauchst du das nicht zu tun. Komm mit mir, ich weiß einen geheimen Ausweg ...“)
        Liebe hat also ihren Preis, einen realen Preis. Aber sie retten einander, und Claire rettet nicht nur sein Leben, sondern auch seine Seele. (Ja, es geht um Erlösung und Auferstehung, und ja, das ganze Buch ist voller christlicher Symbolik – es war mein Erstling, okay?) Seine Seele wäre nie in Gefahr gewesen, hätte sein Opfer ihn nicht wirklich fast zerstört.
        Wäre Claire also in letzter Sekunde mit Verstärkung aufgetaucht und hätte ihn gerettet, bevor er all das durchmachen musste ... nun, dann wäre es eine nette, herzerwärmende Geschichte gewesen, in der Held und Heldin gemeinsam das Böse besiegen und dann in den Sonnenuntergang reiten. Aber das Buch hätte nicht halb so viel Wirkung gehabt wie die Geschichte, in der Jamie und Claire tatsächlich über das Böse hinwegkommen und damit zeigen, was Liebe wirklich ist. Wirkliche Liebe hat ihren Preis – und sie ist ihn wert.
        Ich habe immer schon gesagt, dass all meine Bücher eine bestimmte Form haben und dass die innere Geometrie von FEUER UND STEIN aus drei Dreiecken besteht, die sich ein Stück weit überlappen. Die Spitze dieser Dreiecke ist jeweils einer der emotionalen Höhepunkte des Buches: 1) Claires erschütternde Entscheidung im Angesicht des Steinkreises, 2) der Punkt, an dem sie Jamie aus Wentworth befreit und 3) als sie im Kloster seine Seele rettet. Es wäre immer noch eine gute Geschichte, wenn ich nur 1) und 2) gehabt hätte – aber dann ist da die Dreierregel. Eine Geschichte, in der es eins, zwei, drei heißt, hat viel mehr Wirkung als eine, in der schon bei zwei die Pointe kommt.

 

© 2010 Diana Gabaldon und Barbara Schnell