Fragen und Antworten
 
Ihre Bücher sind so komplex. Legen Sie sich vorher einen Entwurf zurecht?

Liefern Ihnen Ihre Leser auch Ideen?

Halten Sie es als Expertin für Meeresbiologie für möglich, dass ein Wesen wie das Ungeheuer von Loch Ness heute existiert?

Wer/was ist Master Raymond? Welche Bedeutung hat er? (Achtung, SPOILER)

Könnten Sie sich mit der Vorstellung anfreunden, dass Ihre Bücher verfilmt werden?


Ihre Bücher sind so komplex. Legen Sie sich vorher einen Entwurf zurecht?

        Nein. Natürlich schreibe ich aber auch nicht linear; ich schreibe viele kleine Stücke, die ich dann wie ein Puzzle zusammenfüge. Ich springe also vor und zurück, rückwärts und wieder nach vorn, bis eine Szene fertig ist – dann greife ich einen anderen Faden auf und schreibe etwas anderes. Es gibt noch nicht einmal Kapitel, bis ich das fertige Mauskript ausdrucke, um es meiner Lektorin zu schicken; den Text in Kapitel zu unterteilen und ihnen Namen zu geben, ist so ziemlich mein letzter Arbeitsschritt bei einem Buch.
        Und, ja, hin und wieder stehe ich mit Szenen oder Fragmenten da, die entweder nicht passen oder überflüssig sind (bestimmt denkt jeder, dass ich meine Texte nie redigiere oder Dinge entferne, aber das tue ich, wirklich). In den meisten Fällen kann ich diese Szenen aber im nächsten Buch „recyceln“ – einer der Vorteile, wenn man eine Serie schreibt. Die kurze Szene mit dem fahrenden Numismatiker Meyer Rothschild zum Beispiel wurde ursprünglich für DIE GELIEHENE ZEIT geschrieben. Eigentlich hätte sie dort zwar auch hingepasst – aber sie war nicht notwendig, also habe ich sie herausgenommen. Und siehe da, sie ließ sich wunderbar mit der Spurensuche nach den antiken Münzen in FERNE UFER verbinden, wo ich die ursprüngliche Fassung verwendet habe und sie nur minimal an die Handlung anzupassen brauchte. Meyer aus Frankfurt war übrigens eine historische Persönlichkeit – er und sein Onkel waren fahrende Münzhändler, und er war der Begründer des berühmten Rothschild-Vermögens.
        Dann gibt es Versionen, die einfach nicht funktionieren – die erste Hälfte der Rahmenhandlung von DIE GELIEHENE ZEIT habe ich zum Beispiel siebenmal neu geschrieben, bevor ich damit zufrieden war. Dabei habe ich bei jedem Durchgang nur die Bruchstücke der letzten Version übernommen, die mir zu funktionieren schienen.
        Ich recherchiere immer parallel zum Schreiben. Dabei hat mein Unterbewusstes immer die geschichtlichen Zusammenhänge im Blick und nimmt Notiz von bedeutenden Ereignissen, so dass ich entscheiden kann, ob wir ein bestimmtes Ereignis (wie die Schlachten von Saratoga) miterleben, ob wir es unseren Zwecken anpassen und es fiktionalisieren (so geht man mit historischen Ereignissen um, die einem nicht den Gefallen tun, zum passenden Zeitpunkt stattzufinden; man benennt sie einfach um), oder ob wir ein allgemein bekanntes Ereignis (wie die Veröffentlichung der Unabhängigkeitserklärung) einfach nur erwähnen, damit sich der Leser zeitlich orientieren kann.
        Während ich also diese kleinen Stücke schreibe, beginnen sie allmählich zusammenzuhängen. Wenn ich erst einmal fünf oder sechs größere „Brocken“ von jeweils 40 bis 60 Seiten habe, habe ich normalerweise auch eine ganz gute Vorstellung von der historischen Chronologie und kann diese Stücke daher grob aneinanderreihen und sie mit der zeitlichen Abfolge in meinem Kopf vergleichen. Mit etwas Glück sehe ich an diesem Punkt die Struktur des Buches (jedem meiner Bücher liegt eine geometrische Struktur zugrunde. Sie ist für den Leser nicht sichtbar – obwohl Sie sie sehen würden, wenn ich sie Ihnen erklären würde –, aber für mich ist es hilfreich, sie zu sehen) und dann geht das Schreiben sehr viel schneller, weil ich sehen kann, was noch fehlt.

 

Liefern Ihnen Ihre Leser auch Ideen?

        Ehrlich gesagt nicht sehr oft und meistens nicht mit Absicht. Den Verlauf der Geschichte kenne ich im Allgemeinen, wenn auch nicht jedes Detail – und wie ich den Leuten zu sagen pflege, die gern spekulieren, was wohl passieren wird: „Ihr liegt alle immer daneben.“
        Trotzdem macht hin und wieder jemand einen Vorschlag, der einen Gedankengang ins Rollen bringt und zu einem Ergebnis führt. Ich kann mich allerdings nur an einige Male erinnern, bei denen es Freunde aus dem Litforum bei CompuServe waren – Leute, die ich seit Jahren kannte und die die Entwicklung der Bücher und der Figuren von Anfang an miterlebt haben.
        Eine Frau hat mich – halb im Scherz – gefragt, was Jamie meiner Meinung nach wohl sagen, denken oder tun würde, wenn er in die Zukunft reisen und seine Tochter im Bikini sehen würde. Nun ist es absolut ausgeschlossen, dass Jamie in die Zukunft reist – aber diese Frage hat letztlich zu dem Zwiegespräch im Mondschein in FERNE UFER geführt und zu Claires Brief an ihre Tochter.
Und dann ... nun, ich habe eine gute Freundin namens Margaret Campbell, die behauptet, einer ihrer liebsten Kindheitsträume sei es gewesen, eine Jahrmarktsattraktion zu werden, die lebenden Hühnern den Kopf abbeißt. Nun, in dieser Unterhaltung hat eins zum anderen geführt, und am Ende habe ich eine weiße Vodoopriesterin erfunden, die nebenbei das Orakel spielt. Und wenn Sie glauben, das wäre leicht in die Handlung einzubauen gewesen ...! (Es war aber der Anfang einer Art neuer Mode; eine ganze Reihe anderer Autoren, die auch zum Forum gehörten, haben „Margaret Campbell“ dann auch als Romanfigur benutzt.)
        Oh, Irrtum – es gab noch ein paar andere Leute, die mich allerdings weniger auf Ideen gebracht haben als dass sie vielmehr die Ideen waren. Barry Fodgen war eigentlich ein ebenso talentierter wie bekannter englischer Dichter (heute ist er Cellist), dessen Großvater Schafhirte war. Demzufolge hat ihn das ganze Forum immer mit seinem angeblichen Verhältnis zu Schafen aufgezogen. Wie üblich hat eins zum anderen geführt, und so haben wir Vater Fogden, den in Ungnade gefallenen Priester im Exil auf Hispaniola – und seine Schäfchen.
        Ganz zu schweigen von seinem Hund Ludo, der ebenfalls (sozusagen) eine real existierende Person war. Ich würde also nicht direkt sagen, dass mich die Leser nicht beeinflussen. Es ist nur normalerweise kein besonders direkter Einfluss.

 

Halten Sie es als Expertin für Meeresbiologie für möglich, dass ein Wesen wie das Ungeheuer von Loch Ness heute existiert?

Genau das hat mich vor Kurzem eine Sechstklässlerin aus Pittsburgh auch gefragt. Hier sind ihre Fragen und meine Antworten:
        „Liebe Frau Dr. Gabaldon,
        ich bin Schülerin der sechsten Klasse an der Falk School in Pittsburgh, Pennsylvania. In der Schule arbeiten wir gerade an einem Projekt namens „I-Search“. Dabei recherchieren wir ein bestimmtes Thema und schreiben einen Aufsatz darüber. Mein Thema ist das Ungeheuer von Loch Ness. Ich hoffe, dass Sie mir vielleicht ein paar Fragen darüber beantworten können, weil ich weiß, dass Sie Bücher über Schottland schreiben. Meine Mutter ist ein großer Fan davon, und sie sagt, Sie hätten das Ungeheuer in einem der Bücher erwähnt.
        Wenn Sie diese Fragen beantworten könnten, wäre ich sehr dankbar. Wenn nicht, ist das auch okay. Ich weiß, dass Sie sehr beschäftigt sind.
        Waren Sie schon einmal am Loch Ness?
        Glauben Sie an das Ungeheuer von Loch Ness?
        Warum oder warum nicht?
        Wenn ja, was glauben Sie, was für ein Lebewesen es ist?
        Kennen Sie jemanden, der glaubt, dass er Nessie gesehen hat?
        Wenn ja, wie hat es ausgesehen?
        Wenn nicht, wie stellen Sie es sich vor?
        Welche Rolle hat das Ungeheuer in Ihrem Buch gespielt?
        Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Ungeheuer in Ihrem Buch auftreten zu lassen?
        Finden Sie, dass Wissenschaftler weiter nach Spuren des Ungeheuers suchen sollten?
        Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen. Ich hoffe, dass ich eines Tages auch Schriftstellerin werde.
Mit freundlichem Gruß
Olivia“

Liebe Olivia,
nun, dann wollen wir einmal sehen ...
        Ja, ich war schon einmal am Loch Ness. Es ist riesig! Sehr, sehr tief, und bei gutem Wetter ist es dunkelblau – bei schlechtem Wetter ist es unter bewölktem Himmel beinahe schwarz.
        Ich bin mir nicht sicher, was das Ungeheuer angeht. Rein wissenschaftlich betrachtet wahrscheinlich nicht – zumindest nicht, wenn das Ungeheuer wirklich so groß ist, wie es beschrieben wird. Ich habe einmal eine Analyse gelesen, wieviel Biomasse in dem See entsteht, und es ist nicht genug, um einen Bestand von Lebewesen dieser Größe zu ernähren (und es kann nicht nur ein Ungeheuer geben, es sei denn, es ist unsterblich, und wir kennen keine unsterblichen Wesen aus Fleisch und Blut). Denn man bräuchte einen Bestand, der groß genug ist, um sich zu vermehren, sonst würden sie aussterben.
        Andererseits ... ich weiß ja nicht, wieviel Dir Deine Mutter über meine Bücher erzählt hat, aber ein wichtiger Handlungsfaden hat etwas mit Zeitreisen zu tun. Wenn man glaubt, dass Zeitreisen möglich sind – und das glauben sowohl Stephen Hawking als auch ich – dann braucht man weder eine bestimmte Futtermenge noch eine größere Anzahl von Ungeheuern. Alles, was man braucht, ist ein Zeitportal unter dem See, das hin und wieder ein prähistorisches Wesen durchlässt.
OK, wenn das so ist, dann könnte das Ungeheuer gut ein Plesiosaurus, ein Elasmosaurus oder ein anderes prähistorisches Wasserreptil sein. Wenn wir nur von dem am häufigsten veröffentlichten Foto des angeblichen Ungeheuers ausgehen, würde ich auf einen Plesiosaurus tippen.
        Ich kenne zwar niemanden, der das Ungeheuer gesehen hat, aber ich bin in Schottland schon vielen Leuten begegnet, die glauben, dass es da ist.
        In einem meiner Bücher gibt es eine Szene, in der die Heldin (eine Krankenschwester aus dem Zweiten Weltkrieg, die ein Zeitportal in einem Steinkreis in den Highlands durchschreitet und im Jahr 1743 auskommt) das Ungeheuer von Loch Ness sieht, als sie zum See geht, um Wasser zu holen. In einem späteren Buch unterhält sie sich mit dem Freund ihrer Tochter und sagt ihm, dass sie glaubt, dass das Tier, das sie gesehen hat, ein Plesiosaurus war und dass es vielleicht auf dieselbe Weise dorthin gekommen ist wie sie – aber durch ein Portal unter Wasser.
        Wie ich auf die Idee gekommen bin? Ich bin versucht zu sagen, es war nur eine Laune, denn das war es zumindest zum Teil. Doch das ist noch nicht alles. In den Sagen der Highlands gibt es ein Wesen, das man Wasserpferd nennt; es ist ein übernatürliches Wesen, das in größeren Gewässern lebt und sehr gefährlich ist; es gibt viele Erzählungen darüber. Ich habe beim Schreiben viel über schottische Traditionen recherchiert und fand, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Ungeheuer und dem viel älteren Glauben an die Wasserpferde gab. Und mir wurde klar, welche Symbolkraft es hat, wenn diese Frau, die aus ihrer eigenen Zeit herausgeschleudert wird, einem Geschöpf begegnet, das ebenfalls heimatlos ist – oder vielleicht ein Omen für sie sein könnte.
Nun, bevor ich Schriftstellerin geworden bin, war ich Wissenschaftlerin (ich habe einen Abschluss in Ökologie, einen in Meeresbiologie und einen in Zoologie), und ich finde, Wissenschaftler sollten alles erforschen, was sie interessant finden. Und Loch Ness ist ja schon mehrfach mit Radar- und Sonargeräten untersucht worden. Aber man kann in diesem Fall nicht das Gegenteil beweisen (das ist übrigens eine Grundvoraussetzung der wissenschaftlichen Arbeitsweise; man muss eine falsifizierbare Hypothese haben. Das heißt, man muss eine Idee haben, von der es theoretisch möglich ist, zu beweisen, dass sie falsch ist. Deshalb ist auch Kreationismus keine Wissenschaft – das geht nicht; man kann ja nicht beweisen, dass Gott nicht existiert. Also hat man keine falsifizierbare Hypothese); es ist immer möglich, dass dort etwas ist und wir es nur noch nicht gefunden haben. Die Chancen stehen zwar dagegen, aber ein einziges Ungeheuer würde ja schon reichen.
        Viel Glück mit Deinem Aufsatz! (Es gibt übrigens ein Museum über das Ungeheuer in Drunmadrochit am Rand von Loch Ness. Schau doch einmal bei Google nach, ob es eine Website hat.)
Mit den besten Grüßen
Diana

 

Wer/was ist Master Raymond? Welche Bedeutung hat er? (Achtung, SPOILER)

        Nun, er ist ein prähistorischer Zeitreisender. Ich denke, er kommt aus der Zeit um 400 vor Christus oder vielleicht etwas eher (also nicht „prähistorisch“ im eigentlichen Sinne, aber zumindest gab es dort, wo er herkommt, noch keine Geschichtsschreibung), und das achtzehnte Jahrhundert ist nicht sein erster Halt.
        Er ist – oder war – ein Schamane mit der angeborenen Gabe, durch Empathie zu heilen. Er kann sehen, welche Aura ein Mensch hat; alle, die seine Gabe teilen, sind von demselben blauen Licht umgeben wie er selbst – geborene Krieger dagegen sind rot (daher, ja, „der rote Mann“ hat Symbolcharakter). Aufgrund von Ereignissen, die sich in seiner eigenen Zeit zugetragen haben, empfindet er große Abneigung gegenüber Wikingern, daher seine Nervosität bei Jamies Anblick. Er hat Angst vor ihnen, aber ihm ist auch klar, über welche Lebensenergie sie verfügen – das ist der Grund, warum er Claire diese Energie heraufbeschwören lässt (indem er ihre sexuelle und emotionale Verbindung mit Jamie benutzt), um sie zu heilen.
        Seine Nachfahren – denen er hin und wieder auf seinen Reisen begegnet – sind ebenfalls von dem blauen Licht umgeben, mehr oder weniger stark, je nachdem, wie groß ihre Gabe ist. Also erkennt er Claire auf den ersten Blick als eine seiner Ur-ur-ur-undsoweiter-Enkelinnen. Gillian/Geillis ist auch eine – es fällt auf, dass sie dasselbe Gespür für Pflanzen hat wie Claire, auch wenn ihre Natur eher das Vergiften als das Heilen ist.
        Wir werden ihn wiedersehen – wenn auch, glaube ich, nicht in Claires und Jamies Geschichte. Master Raymond dürfte irgendwann seine eigene Romanserie bekommen. Dann werden wir also auch Claire, Jamie und Geillis wiedersehen, allerdings als Nebenfiguren in Master Raymonds Geschichte (Geillis spricht ja in FERNE UFER davon, dass sie noch einem Zeitreisenden begegnet ist, doch sie sagt Claire nicht, wer es ist).
        Der Himmel weiß, wann ich dazu kommen werde – wenn ich so weitermache, ungefähr in zehn Jahren – aber es kommt noch.

 

Könnten Sie sich mit der Vorstellung anfreunden, dass Ihre Bücher verfilmt werden?

        Klar. Im besten Fall kann ein solcher Film ja gute Unterhaltung werden. Selbst wenn er nicht toll wird, würde er mehr Leute auf die Bücher neugierig machen, und das ist immer gut. Und im schlimmsten Fall würde ich dann eben nicht mehr ständig gefragt, ob schon einmal jemand auf die Idee gekommen ist, die Bücher zu verfilmen.

© 2010 Diana Gabaldon und Barbara Schnell