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Geneva, oder wer vergewaltigt eigentlich wen?

Wie ich höre, geht wieder einmal die Frage um, ob Jamies sexuelles Aufeinandertreffen mit Geneva Dunsany eine Vergewaltigung war.
Nein, das war es nicht.
Diese Frage hat zwei Teile, und ich werde beide beantworten, allerdings separat.


Teil I: Die Wirklichkeit
1. Die Situation ist ziemlich klar umrissen: Geneva will, dass Jamie mit ihr schläft, weil man im Begriff ist, sie (gegen ihren erklärten Willen) mit einem Mann zu verheiraten, der ihr Großvater sein könnte, und das einzige, was sie beeinflussen kann, ist, von wem sie sich entjungfern lässt. Sie ist verwöhnt und impulsiv und interessiert sich nur für sich selbst. Also beschließt sie, ihrem betagten Ehemann die Jungfrau vorzuenthalten, von der er glaubt, dass er sie bekommen wird.
2. Jamie ist ein Sträfling mit Freigang auf Ehrenwort, der auf dem Anwesen ihres Vaters als Stallknecht arbeitet. Sie fühlt sich sexuell zu ihm hingezogen und flirtet schon eine ganze Weile unverhohlen mit ihm – was er vollständig ignoriert. Er ist der beste Kandidat für ihr Vorhaben – und sie duldet keine Widerrede –, also befiehlt sie ihm, in ihr Zimmer zu kommen und sie zu entjungfern.
3. Selbstverständlich will er nichts davon hören und lehnt rundheraus ab. (Bitte nehmen Sie das zur Kenntnis …)
4. Als Reaktion darauf holt sie einen Brief hervor, den sie abgefangen hat und der von Jamies Schwester stammt. Darin finden sich nicht nur genaue Hinweise auf seine Familie und auf Lallybroch, sondern auch genug weitere Informationen, um Jamies gesamte Familie wegen Hochverrats verhaften – und möglicherweise sogar hängen – zu lassen, sollten ihn die falschen Personen zu sehen bekommen. Was, so sagt Geneva zu Jamie, geschehen wird, sollte er nicht in der Nacht in ihrem Zimmer auftauchen, bereit zu tun, was sie verlangt.
5. Er ist krank vor Angst um seine Familie – und hilflos; er kann das Mädchen ja nicht erwürgen, und selbst wenn er ihr den Brief gewaltsam entwenden würde, könnte (und würde) sie den Behörden erzählen, was darin steht. Angesichts ihrer (bzw. seiner) gesellschaftlichen Stellung, würde man ihr glauben, und Jamie und seine Familie wären erledigt.
6. Er geht in ihr Zimmer und tut, was sie will.
OK. Ich persönlich kann mir nur sehr schwer erklären, wie jemand bei der Betrachtung dieser Situation zu dem Schluss kommen kann, dass Jamie hier der Vergewaltiger ist. Nach den Gepflogenheiten des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts (mehr dazu in Teil II) ist Geneva eindeutig die sexuelle Aggressorin, und Jamie ist derjenige, der laut und deutlich „nein“ sagt. („Nein heißt nein“, stimmt's? Stimmt es? Mehr dazu gleich …)
Geneva erpresst einen unschuldigen Menschen, einen Mann, der ein Gefangener ist und weder Macht noch Mittel besitzt. Sie zwingt ihn, ein schweres Verbrechen zu begehen (rein rechtlich war der Geschlechtsverkehr mit einer unverheirateten jungen Frau ein Verbrechen, auch wenn er einvernehmlich war), eine unmoralische Handlung – und etwas, was er offensichtlich, eindeutig, absolut nicht will, was er auch mit deutlichen Worten ausgedrückt hat.
Es liegt auf der Hand, dass Geneva hier die Vergewaltigung begeht, nicht Jamie. Q.E.D.
Warum glaubt also eine ganze Reihe von Leuten, dass er der Täter ist? Siehe Teil II.


Teil II: Kulturelle Ideologie
Die Überzeugung, dass Jamie Geneva vergewaltigt, beruht auf einem kurzen Moment in dieser schicksalsträchtigen Nacht.
1. Jamie betritt Genevas Zimmer. Sie hat den Brief und verspricht, ihn ihm zu geben. Seine einzige Alternative dazu, zu tun, was sie verlangt, bestünde darin, sie umzubringen, und das könnte er zwar vielleicht tun, ohne dass man ihn erwischt, doch er ist kein Mörder. Also macht er sich hartnäckig daran, seinen Teil der Abmachung zu erfüllen. 2. Trotz der Gesamtsituation und seiner Meinung darüber ist er
a) ein Gentleman
b) im Grunde ein gütiger, anständiger Mensch
c) doppelt so alt wie Geneva und
d) Pragmatiker aus Notwendigkeit und aus Erfahrung.
Er ist also nicht grob zu ihr (wie es ein weniger pragmatischer Mann vielleicht gewesen wäre) und behandelt sie mit Respekt und Zärtlichkeit (zum Teil ebenfalls aus Pragmatismus – was mag sie wohl tun, wenn sie nicht mit ihm zufrieden ist? –, zum Großteil aber aus angeborenem Anstand). Er sagt ihr ganz zu Anfang, dass er sie gut behandeln wird, nicht wegen ihrer Drohungen, sondern weil er es als Ehrensache betrachtet. (Sex ist für Jamie etwas Wichtiges – und bis hierher Heiliges. Wir haben das jetzt ca. 800000 Worte lang bei ihm beobachtet, also können wir, glaube ich, unserem Eindruck trauen.)
3. Er behandelt sie sanft, überlegt und mit körperlicher Zärtlichkeit. Allerdings …
4. … ist sie nun einmal noch Jungfrau, was bedeutet, dass irgendwann unausweichlich der Punkt kommt, an dem es – buchstäblich – hart auf hart kommt.
5. Das ist genau der Punkt, um den es Geneva geht; sie will entjungfert werden und benutzt Jamie als Werkzeug dazu. Sie ist es also nicht nur „selber Schuld“, sie hat es verlangt, unverblümt und unter Drohungen. Also …
6. … tut er das, was dazu notwendig ist.
7. Obwohl sie ihm gesagt hat, dass sie weiß, dass es weh tun wird, gerät sie beim ersten Anflug von Schmerz in Panik und ruft aus: „Halt! Er ist zu groß! Nehmt ihn heraus!“
8. Sie ist wirklich in Panik. Jamie merkt das, und der Leser auch (weil ich es ihm erzähle). Angesichts ihres widerborstigen Verhaltens während ihrer gesamten Bekannschaft  und dessen, was er über Frauen im Allgemeinen weiß, wird ihm klar, dass sie ihn den ganzen Rest der Nacht hinhalten wird, ehe sie ihn endlich diese verdammte Abmachung erfüllen und ihn gehen lassen wird.
9. Er hört nicht auf. [Hier halte ich kurz inne, damit alle, die aus Unbedarftheit, kultureller Konditionierung (siehe unten) oder Mangel an Erfahrung glauben, dass dies eine Vergewaltigung darstellt. Haben wir uns für's Erste wieder erholt? Gut. Also weiter …]
10. Die beiden befinden sich in Genevas Schlafzimmer, in Hörweite von Familie und Dienstboten. Wenn sie es wollte, würde ein einziger lauter Schrei Hilfe auf den Plan rufen, und vermutlich würde man Jamie auf der Stelle zu Tode prügeln. Tut sie das? Nun, nein …
11. Hinterher kuschelt sie sich an Jamie, versucht, ihn mit seinem richtigen Namen anzusprechen (was er sich verbittet) und sagt ihm, dass sie ihn liebt (was er sich ebenfalls verbittet, wenn auch sanft, indem er ihr sagt, dass dies nichts mit Liebe zu tun hat).
12. Dann bittet sie ihn, es noch einmal zu tun.
13. Ganz offensichtlich hat Geneva nicht den Eindruck, dass sie vergewaltigt worden ist. Q.E.D.
Warum glauben also einige von Ihnen, dass Jamie sie vergewaltigt hat?
Weil sie „halt“ gesagt hat und er nicht aufgehört hat. Vergessen wir ruhig alles andere, was geschehen ist oder auch nicht, vergessen wir den Charakter der Beteiligten, vergessen wir die ungleichen Machtverhältnisse in dieser Situation, vergessen wir, dass hier ein versklavter Mensch ausgebeutet wird, vergessen wir ALLES außer der Parole „nein heißt nein“. (Solange es eine Frau ist, die das sagt.)
Wenn Sie mit dieser Denkweise zufrieden sind, lesen Sie besser nicht weiter, denn wenn Sie der Meinung sind, dass Jamie eine Vergewaltigung begangen hat, wird Ihnen das Folgende nicht gefallen – und ich warne Sie, es ist eine Analyse, keine Einladung zu einer ideologischen Diskussion. Ich muss arbeiten und werde mich auf derlei Versuche nicht einlassen.
Kurz und gut, obwohl einige das zu glauben scheinen, ist „nein heißt nein“ kein unveränderbares Gesetz der Physik, das zu jeder Zeit und an jedem Ort Gültigkeit besitzt. Doch für die jungen Männer der Gegenwart ist einvernehmlicher Sex dadurch zu schwierigem Terrain geworden, und da sie nun einmal junge Männer sind, gehen sie manchmal davon aus, dass es einvernehmlich ist, während der weibliche Part es nicht tut (aber erst, nachdem sie sich ein ganzes Stück weit darauf eingelassen hat) oder es sich anders überlegt. Manchmal überlegt sie es sich NACH dem Sex anders. Manchmal – ja, ich weiß, Häresie, verklagen Sie mich doch – sagt sie zwar „nein“, aber eigentlich meint sie es gar nicht so! (NB: Natürlich gibt es auch noch andere Varianten. Sex ist kompliziert und lässt eine Vielzahl von Emotionen und Interpretationen zu.)
Im Grunde ist „nein“ in diesem begrenzten kleinen Ideologieraum ein Safewort. Es soll verhindern, dass die Dinge außer Kontrolle geraten, und unter idealen Umständen tut es das oftmals auch.
Allerdings kann ein Safewort nur funktionieren, wenn beide Parteien nach denselben Spielregeln operieren.
Und schließlich … wie bereits gesagt, entwickelt sich dieser kulturelle Kontext seit ca. 1960; ich weiß es, ich war dabei. 1757 hat es ihn im englischen Lake District definitiv noch nicht gegeben. Ergo ist es nicht unbedingt vernünftig, um nicht zu sagen unlogisch, eine Begegnung zweier Menschen, die nicht den Konventionen des eigenen, begrenzten ideologischen Kontextes folgen, anhand dieser Konventionen zu beurteilen.


Q.E.D.*


*(Das bedeutet „Quod erat demonstrandum“ – was zu beweisen war. Damit beendet man den Beweis eines Algebra-Theorems, um anzuzeigen, DASS man es bewiesen hat.)


Fußnote:
FERNE UFER ist 1993 erschienen; man sollte also meinen, dass diese Frage schon einmal beantwortet worden und die Antwort im Netz schnell zu finden sein könnte.  Und man läge mit beiden Annahmen richtig.
ABER die Leute verhalten sich nicht immer logisch. Schließlich macht es viel mehr Spaß, vorschnelle Schlüsse zu ziehen, Streitereien anzufangen und sich im Internet aufzuregen – eine Tendenz, die jeder kennt, der sein Geld damit verdient, „Content“ zu produzieren, indem er von der Arbeit anderer profitiert, die tatsächlich produktiv sind.
In diesem Fall scheint die Frage ihren Ursprung bei einer Bloggerin zu haben, die durch eine „Kontroverse“ auf sich aufmerksam machen wollte, indem sie beleidigende Ansichten über die Bücher, die TV-Serie und (impliziert) über mich veröffentlichte, um Kommentare zu provozieren und Links zu generieren.
Es ist ein billiger Trick, aber er funktioniert – kurzfristig. Sicher fällt Ihnen auf, dass ich Ihnen den Namen der Bloggerin nicht verrate. Wenn Sie Englisch sprechen, finden Sie sie bestimmt, falls Sie es wollen.


--Diana


© Diana Gabaldon & Barbara Schnell. Bitte achtet das Urheberrecht verlinkt auf diesen Beitrag, aber kopiert ihn nicht.