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Wollt Ihr mir beim Schreiben zusehen?

Ein Blogger namens Thomas Snow (der selbst Lyriker ist) hat mich gefragt, ob ich ihm ein Interview für seinen Blog geben würde, was ich getan habe. Eine der Fragen drehte sich darum, dass ich zwar natürlich Prosa schreibe, mein Stil aber gelegentlich lyrisch ist – ob ich mir des lyrischen Elements bewusst wäre, während ich schreibe?


Meine Antwort (möglicherweise etwas länger als er erwartet hat *hüstel):
Danke! Aber ich möchte den sehen, der gut schreibt, ohne sich dessen bewusst zu sein, was er tut. Allerdings glaube ich, bei der Frage geht es eher um den Prozess als um die Inspiration. Will heißen, jeder hat seine eigene Arbeitsweise, und ich kenne diverse Schriftsteller, deren Methode darin besteht, erst einmal ungefähr zu Papier zu bringen, was sie sagen wollen, und dann wieder und wieder hinzugehen und den Text zu „redigieren“, wie sie es nennen, bis sie ihre Prosa in Form gebracht und zurechtgestutzt haben und was sonst noch damit gemacht werden muss.
So arbeite ich nicht. Ich fange mit etwas an, was ich konkret sehen oder spüren kann – mit meiner „Keimzelle“ –, und das schreibe ich auf, in ein oder zwei Zeilen, die das, was ich sehe oder höre, so präzise wie möglich ausdrücken. Dann sitze ich da und starre diese Zeilen an, und ich spiele damit herum. Ich nehme Wörter heraus und füge andere Wörter ein, ich schiebe Formulierungen hin und her, ich füge eine weitere Zeile hinzu, ich setze die Hälfte dieser Zeile an den Anfang und füge einen weiteren Halbsatz als Bindeglied hinzu, ich sehe, dass ich dasselbe Wort in diesem Absatz zweimal benutzt habe – möchte ich das? Und so weiter und so fort. Auf diese mühsame (und oft sehr langsame) Weise fahre ich fort und bewege mich buchstäblich hunderte von Malen vor und zurück, ehe eine Szene fertig ist. Aber wenn ich damit durch bin, ist sie fertig; besser kann ich sie zu diesem Zeitpunkt nicht schreiben, und ich glaube, dass sie für den menschlichen Genuss geeignet ist.
Ich meine – bei mir gibt es keine Rohfassungen. Ich habe eine Keimzelle, ich habe eine Szene in der Entstehung, ich habe eine vollständige Szene. „In der Entstehung“ tauchen die sprachlichen und bildhaften Details auf, während ich versuche, das, worum es geht, so präzise, elegant und schön wie möglich auszudrücken.
Und natürlich hat Lyrik genauso viel mit Rhythmus wie mit der Wortwahl zu tun, und die Worte einer Passage bilden ein Muster. Es kann also Formulierungen geben, die eindeutig „lyrisch“ wirken, die aber tatsächlich nicht funktionieren würden, wenn sie nicht im Einklang mit oder im Gegensatz zu den Worten ringsum stehen würden.
Hier ist ein Beispiel: Es ist ein wirklich kurzer einleitender Absatz, augenscheinlich simpel.
„Ich hatte einen Stein unter meiner rechten Gesäßbacke, doch ich wollte mich nicht bewegen. Der winzige Herzschlag unter meinen Fingern war sanft und beharrlich, die flüchtigen Stöße Leben und die Zwischenräume Ewigkeit, verbunden mit dem endlosen Nachthimmel und der Flamme, die ihm entgegen stieg.“
OK, hier sitzt also eine Frau im Freien an einem Feuer und hält ein kleines Kind, dessen Herzschlag sie spürt. Ich habe mit dem Herzschlag angefangen; das war das, was ich spüren konnte – was die Frau spürte, diesen sanften („sanft“ hatte ich sofort im Kopf, „beharrlich“ eine halbe Sekunde später – diese „Beharrlichkeit“ hat einen Hintergrund, denn das Kind wurde mit einem Herzfehler geboren und wäre fast gestorben, aber nur fast, und wir gehen davon aus, dass die Leser das wissen, da es in den beiden letzten Büchern ein wichtiges Thema war), beharrlichen Schlag. Also war es das, was ich als Keimzelle notiert habe: „Der winzige Herzschlag unter meinen Fingern war sanft und beharrlich.“
Nun, das ist offensichtlich nicht alles, was es über die Situation zu sagen gibt, aber möchte ich weitere Informationen über Claires Gefühle anfügen (sie ist die Frau), möchte ich die Situation des kleinen Mädchens erläutern, oder möchte ich einen Schritt zurücktreten und den Lesern mitteilen, wie die Umgebung aussieht?
Nun, ich weiß, dass Claire vor einem großen Feuer sitzt, weil ich es sehen kann (und ich weiß, wer bei ihr ist, und vieles mehr, was aber im Moment nicht relevant ist) … sage ich also etwas darüber, wie sie das Feuer sieht? „Die lodernden Flammen“ – nein, zu klischeehaft; so gut wie alles, was man über ein Feuer per se sagen könnte, ist entweder ein Klischee oder eine Selbstverständlichkeit. Feuer eignet sich gut als Metapher, als Hintergrund oder als Lichtquelle (siehe unten*), aber nicht so gut als Sujet, es sei denn, man brennt ein Haus nieder oder ist von einem Waldbrand umzingelt. Also zurück zu Claires Gedanken; woran denkt sie/was spürt sie außer dem Herzschlag unter ihren Fingern?
Nun, sie sitzt im Freien auf dem Boden und möchte sich nicht bewegen, weil sie ihre Finger auf diesem winzigen liegen Puls hat und diese Verbindung nicht verlieren möchte. Aber es ist der Boden, wie wahrscheinlich ist es also, dass sie auf einem Steinchen sitzt? (In der Wildnis sitzt man immer auf einem Steinchen …)
OK. „Ich hatte einen Stein unter meiner rechten Gesäßbacke“ und im nächsten Moment „doch ich wollte mich nicht bewegen.“ Schön, das geht; es ist typisch für Claire, und es transportiert die notwendige Information als sinnliche Wahrnehmung – wir können uns auf der Stelle in die muskuläre Anspannung hineinversetzen, in das unangenehme Gefühl, das zwar nicht schmerzhaft ist, aber doch lästig. Und ich glaube nicht, dass ich das besser ausdrücken kann; hier ist Schlichtheit das Mittel der Wahl.
Und gerade deshalb … sind wir fest in Claires Kopf, weil wir körperlich mit ihr mitfühlen, und der Satz ist schlicht … der Leser ist geködert …
Also kann ich es mir jetzt leisten, etwas wortreicher zu sein, wenn ich mich wieder dem Herzschlag widme … er ist sanft und beharrlich – möchte ich mehr darüber sagen, wie das kleine Mädchen aussieht oder wie es sich in Claires Armen anfühlt? Ich kann die Kleine sehen, ihr Gewicht spüren, aber nein, was ich fühle ist das, was Claire fühlt, und sie denkt nicht an körperliche Dinge. Sie ist gerührt und glücklich – sie hatte nie damit gerechnet, dieses Kind noch einmal wiederzusehen (ihre Enkelin), und hier ist es nun, geheilt und gesund.
Sage ich das? „Hier war sie nun, geheilt und gesund.“ Hm, nette Alliteration, trotzdem nein. Das ist zwar der Grund für das, was Claire empfindet, aber es ist nicht die Empfindung selbst, und diese ist es, die ich fühle, die ich beim Leser hervorrufen möchte.
Also zurück zu dem Satz mit dem Herzschlag, der mir zu kurz vorkam – nehmen wir das als Ausgangspunkt. Welches Gefühl löst der Herzschlag – emotional/spirituell – in Claire aus? Es ist … Leben. Es ist buchstäblich das Leben, aber in diesem Moment ist es Claires Leben genauso wie das des Kindes. Und da es ihre Enkelin ist (und das Feuer am Ort einer Zusammenkunft brennt, bei der auch andere Familienmitglieder anwesend sind), hat sie ein Gefühl der Kontinuität, einer Art Unsterblichkeit. Also … was ist das Wort dafür, wie sich ein einzelner Herzschlag anfühlt? (Ich gehe ein gutes Dutzend Möglichkeiten durch und verwerfe sie wieder, entscheide mich erst einmal für „Stoß“ – aber das ist noch nicht gut genug, es klingt zu heftig für den Herzschlag eines kleinen Kindes … „flüchtiger Stoß“, ja, das geht; es ist deutlich spürbar, aber trotzdem schon fast wieder vorbei, ehe man es spürt, gut.) Die flüchtigen Stöße sind also das Leben. (In Claires Gefühlswelt.) Pause, während ich mich in Claires Sinneswahrnehmungen und Emotionen vortaste. Sie ist Ärztin … ihr wäre das Schweigen zwischen den Schlägen genauso bewusst wie der Puls selbst … und sie erinnert sich lebhaft an die Zeit, als sie dem Herzen dieses Kindes gelauscht hat und bei jedem Schlag Angst hatte, er könnte der letzte sein … diese Intervalle der Stille … und sie blickt vom Feuer (Quelle angenehmer Wärme, Symbol des Lebens) in den gewaltigen schwarzen Gebirgshimmel auf, der voller Sterne ist, Gott … Ewigkeit. OK, schöner Kontrast, schönes, unausgesprochenes Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Allmächtigen für dieses Leben in ihren Armen, ohne dass es ausdrücklich gesagt werden muss …
„Der winzige Herzschlag unter meinen Fingern war sanft und beharrlich, die flüchtigen Stöße Leben und die Zwischenräume Ewigkeit, meine Verbindung mit der (Adjektiv) Nacht und dem (Feuer).“
Ich tüftele weiter mit der Nacht und dem Feuer herum. Beide darf man nicht mit Adjektiven überfrachten, aber etwas mehr als „Nacht“ und „Feuer“ wäre schon wünschenswert. Nun, „Ewigkeit“ legt „endlos“ nahe – und das ist es, woran wir denken, wenn wir zum Himmel aufblicken, „der endlose Nachthimmel“ scheint mir also OK.
Nun denn. Während der ganzen Zeit ist mir bewusst, wie sich der Rhythmus des Satzes (und des Absatzes) entwickelt, weil ich ihn wieder und wieder lese, während ich im Kopf daran herumtüftele, und ich weiß, dass ich am Ende eine bestimmte Anzahl Silben zusätzlich zu dem Wort Feuer brauche. Also versetze ich mich ein weiteres Mal in Claire hinein, und sie blickt in das Feuer, und ihr Blick wird zum Himmel empor gelenkt – die Flamme steigt vor ihr auf ... „mit dem endlosen Nachtimmel und der aufsteigenden Flamme“.
[Anmerkung der Übersetzerin:
Schon die erste Hälfte dieses Satzes birgt für mich ein Dilemma. „Infinity“ und „endless“ sind ein lateinisches und ein sächsisches Wort für Dasselbe: Unendlichkeit bzw. endlos. Ich spiele verschiedene Varianten durch und entscheide mich – auch aus rhythmischen Gründen – das erste Wort durch „Ewigkeit“ zu ersetzen. Damit beschränke ich es zwar auf die zeitliche Bedeutung, doch darum geht es ja trotz der Metapher Himmel/Weltall eigentlich.
Dann kommt „the rising flame“. Im Englischen wunderbar poetisch, aber im deutschen benutze ich das Partizip – die aufsteigende Flamme – nur, wenn ich keine Alternative finde. In diesem Fall sehe ich eine ähnlich lyrische Lösung nur, wenn ich das Partizip in einen Relativsatz verwandele. Am Ende lautet meine Version:
„Der winzige Herzschlag unter meinen Fingern war sanft und beharrlich, die flüchtigen Stöße Leben und die Zwischenräume Ewigkeit, verbunden mit dem endlosen Nachthimmel und der Flamme, die ihm entgegen stieg.“]
Die Struktur dieses Satzes ist zwar nicht besonders komplex, aber er ist lang. Er muss gut ausbalanciert (und interessant) sein, wenn er funktionieren soll. Ich habe den einfachen ersten Satz, um die Leute mitzunehmen, aber der zweite Satz wird sie festhalten müssen.
Wir haben also:
„Ich hatte einen Stein unter meiner rechten Gesäßbacke, doch ich wollte mich nicht bewegen. Der winzige Herzschlag unter meinen Fingern war sanft und beharrlich, die flüchtigen Stöße Leben und die Zwischenräume Ewigkeit, verbunden mit dem endlosen Nachthimmel und der Flamme, die ihm entgegen stieg.“
Alles in diesem Satz dreht sich um den „Herzschlag“, bis der Schluss außerdem eine Brücke schlägt zwischen dem tatsächlichen Herzschlag des kleinen Mädchens und Claires Verbindung mit ihrer Umgebung und ihren Gefühlen. Und ja, das ist es, was ich möchte. Wir sind fertig. Vorerst … (Vermutlich beginnen Sie zu verstehen, warum ich so lange brauche, um ein Buch zu schreiben.) Interessehalber hier die beiden darauf folgenden Absätze:
„Rutsch ein Stück zur Seite, Sassenach“, sagte eine Stimme in meinem Ohr. „Ich muss mich an der Nase kratzen, und du sitzt auf meiner Hand.“ Jamie zuckte unter mir mit den Fingern, und ich bewegte mich automatisch und wandte ihm den Kopf zu, während ich ein wenig rückte und mich wieder zurechtsetzte, ohne Mandy loszulassen, die völlig schlaff in meinen Armen schlief.
Er lächelte mich über Jems Wuschelkopf hinweg an, bewegte die jetzt freie Hand und kratzte sich an der Nase. Es musste weit nach Mitternacht sein, doch das Feuer brannte noch hell, und das Licht schlug Funken in seinen Bartstoppeln und leuchtete in seinen Augen so sanft wie im roten Haar seines Enkelsohns und den dunklen Falten des abgetragenen Plaids, das er um sie beide gelegt hatte.“
Ich könnte jetzt analysieren, wie diese beiden Absätze Claire zurück auf den Boden holen, wie sie die Lyrik aufbrechen, die zu viel und zu offensichtlich werden könnte, wenn es noch länger so weiterginge, und wie sie die anderen Figuren in die Szene holen (und dann im letzten Absatz demonstrieren, was ich gemeint habe, als ich davon gesprochen habe, wozu man Feuer benutzen kann), aber dieser Text ist so schon zu lang, also lasse ich es – aber Sie können gern die Konstruktion und die Techniken des letzten Satzes bewundern :-)
(Außerdem lässt sich feststellen, dass alle drei Absätze einer ähnlichen Struktur folgen, indem der erste Satz mit einer schlichten, halb humorvollen Feststellung über einen physischen Umstand beginnt, gefolgt von einem längeren, komplexeren und durchaus lyrischen Satz, der sich mit der emotionalen Komponente befasst. So schafft man es, eine Geschichte voranzutreiben, während man den Leser hineinsaugt.)


* Fußnote zum Thema Feuer. Sehen Sie sich den letzten Satz an. Er folgt beinahe lautsprachlich dem Auf und Ab der Flammen und befasst sich mit den Variationen des Lichts: hell/Funken/leuchtete/dunklen. Die Sache ist die: Feuer ist eine Lichtquelle, die sich bewegt. Man kann es so benutzen, wie ich es hier getan habe, um die Szene im Freien heraufzubeschwören und dem Bild, das wir sehen, Tiefe zu verleihen, aber man kann die Bewegung des Feuers auch benutzen, um den Fokus auf bestimmte Dinge zu lenken, von denen Sie möchten, dass der Leser sie unbewusst erfasst.