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Der vierte Sonntag im Advent

Nicht mehr lange bis Weihnachten! Heute zünden wir die vierte Kerze an unserem Kranz an und besinnen uns auf die reinigende Kraft von Meditation und Buße -- nicht, um uns in Schuldgefühlen oder Scham zu ergehen, sondern um uns ganz bewusst der Gnade anheim zu geben.


--Diana


Aus UNSCHULDSENGEL, erschienen in der Anthologie "Königin im Exil"


Er hatte Jamie dazu gebracht, ihn zur Kathedrale St. Andre zu begleiten, und darauf bestanden, dass Jamie zur Beichte ging. Jamie hatte sich geweigert – keine große Überraschung.
„Nein. Das kann ich nicht.“
„Wir gehen zusammen.“ Ian hatte ihn fest beim Arm genommen und ihn buchstäblich über die Schwelle gezerrt. Wenn sie erst einmal innen waren, so baute er darauf, dass die Atmosphäre der Kirche Jamie gefangen nehmen würde.
Sein Freund blieb abrupt stehen, und das Weiße seiner Augen war zu sehen, als er sich argwöhnisch umsah.
Das steinerne Deckengewölbe verschwand weit über ihnen in der Dunkelheit, doch aus den bleiverglasten Fenstern legten sich bunte Lichtflecken sacht auf die abgenutzten Steinplatten des Mittelgangs.
„Ich sollte hier nicht sein“, murmelte Jamie.
„Wo denn sonst, du Idiot? Komm schon“, murmelte Ian zurück und zog Jamie durch den Seitengang zur Kapelle Saint Estephe. Die meisten der Seitenkapellen waren reich ausgestattet, Monumente der Bedeutung reicher Familien. Diese war ein kleiner, schmuckloser Steinalkoven, der wenig mehr enthielt als einen Altar, einen ausgebleichten Wandteppich mit einem gesichtslosen Heiligen und einen kleinen Ständer, auf den man Kerzen stellen konnte.
„Bleib hier.“ Ian stellte Jamie mitten vor den Altar und verließ die Kapelle, um bei der alten Frau am Haupteingang eine Kerze zu kaufen. Was den Versuch betraf, Jamie zur Beichte zu überreden, so hatte er es sich anders überlegt; er wusste genau, wann man einen Fraser zu etwas bringen konnte und wann nicht.
Er sorgte sich ein wenig, dass Jamie gehen könnte, und hastete zu der Kapelle zurück, doch Jamie war noch da. Mitten in dem kleinen Raum stand er mit gesenktem Kopf da und starrte zu Boden.
„Hier, bitte“, sagte Ian und zog ihn zum Altar. Er stellte die Kerze – sie war teuer, groß und aus Bienenwachs – auf den Ständer, zog den Papierdocht, den die Alte ihm gegeben hatte, aus dem Ärmel und reichte ihn Jamie. „Zünde sie an. Wir sprechen ein Gebet für deinen Pa. Und ... und für sie.“
Er konnte Tränen auf Jamies Wimpern beben sehen, glitzernd im roten Leuchten des ewigen Lichts, das über dem Altar hing, doch Jamie kniff die Augen zu und biss die Zähne zusammen.
„Also schön“, sagte er leise, doch er zögerte. Ian seufzte, nahm ihm den Docht aus der Hand, stellte sich auf die Zehenspitzen und entzündete ihn am ewigen Licht.
„Mach schon“, flüsterte er und reichte ihn Jamie, „sonst bekommst du eins in die Nieren, hier und jetzt.“
Jamie stieß einen Laut aus, der der Hauch eines Lachens hätte sein können, und senkte den Docht an die Kerze. Feuer stieg auf, eine reine, hohe Flamme mit einem blauen Herzen, die dann zur Ruhe kam, als Jamie den Anzünder fort zog und schüttelnd in einem Rauchwölkchen löschte. Eine Weile standen sie da, die Hände lose gefaltet, und sahen der brennenden Kerze zu. Ian betete für seine Eltern, seine Schwester und ihre Kinder ... etwas zögernd (gehörte es sich, für einen Juden zu beten?) für Rebekah bat-Leah, und nachdem er sich mit einem Seitenblick vergewissert hatte, dass ihn Jamie nicht beobachtete, für Jenny Fraser. Dann für Brian Frasers Seele ... und dann, die Augen fest geschlossen, für den Freund an seiner Seite.
Die Geräusche der Kirche verstummten, die flüsternden Steine und Echos aus Holz, das Schlurfen der Füße und das gurrende Plappern der Tauben auf dem Dach. Und dann hörte auch das auf, und es gab nur noch Frieden und das leise Schlagen seines Herzens.
Er hörte Jamie seufzen, tief aus seinem Inneren heraus, und öffnete die Augen. Ohne ein Wort gingen sie hinaus und ließen die wachende Kerze zurück.



© 2015 Diana Gabaldon & Barbara Schnell. Bitte verlinkt auf diesen Text, aber kopiert ihn nicht.