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Der zweite Sonntag im Advent

Am zweiten Adventssonntag zünden wir die zweite violette Kerze an, als Symbol der Hoffnung, das uns vorausgeht; ein Licht in der Dunkelheit, Verheißung des größeren Lichts, das bald kommt.


[Auszug aus Buch Neun (unbetitelt, unvollendet, unveröffentlicht]. Nein, ich habe keine Ahnung, wann es fertig wird, aber ich sage Bescheid.]


Eats Turtles schluckte den letzten Bissen seines Truthahnragouts herunter und stieß einen lauten Beifallsrülpser in Rachels Richtung aus, dann reichte er ihr seinen Teller und sagte „mehr“, ehe er die Geschichte fortsetzte, die er beim Essen erzählt hatte. Glücklicherweise sprach er zum Großteil Mohawk, da die englischen Teile anscheinend von einem seiner Vettern handelten, der bei einer Begegnung mit einem aufgebrachten Elch auf sehr komische Weise einen Teil seiner Gedärme verloren hatte.
Rachel nahm den Teller und füllte ihn wieder, wobei sie den Blick konzentriert auf Eats Turtles' Hinterkopf gerichtet hielt und sich vorstellte, wie das Licht Christi in seinem Inneren leuchtete. Da sie als Waisenkind in ärmlichen Umständen aufgewachsen war, hatte sie große Übung mit dieser Art von Wahrnehmung und war im Stande, Turtles freundlich zuzulächeln, als sie den vollen Teller zu seinen Füßen abstellte, um ihn nicht beim Gestikulieren zu stören.
Das Gute war, dachte sie mit einem Blick in die Wiege, dass die Unterhaltung der Männer Oggy in den Tiefschlaf gelullt hatte. Mit einem Blick in Ians Augen und einem Kopfnicken in Richtung der Wiege ging sie ins Freie, um eine Annehmlichkeit zu genießen, die einer Mutter äußerst selten widerfährt: zehn Minuten allein auf dem Abort.
Als sie entspannt an Körper und Seele wieder zum Vorschein kam, war ihr nicht danach, zurück in die Hütte zu gehen. Sie dachte kurz daran, zum Haupthaus hinunterzugehen und Brianna und Claire zu besuchen – doch Jenny war ebenfalls dorthin gegangen, als offensichtlich wurde, dass die Mohawk in der Hütte der Murrays übernachten würden. Rachel mochte ihre Schwiegermutter von Herzen, doch Oggy betete sie an, und Ian liebte sie wie von Sinnen – und ihr war im Moment einfach nicht nach Gesellschaft zumute.
Der Abend war kalt, aber nicht bitterkalt, und sie hatte ein dickes wollenes Schultertuch. Der zunehmende Mond ging inmitten eines Felds voll herrlicher Sterne auf, und der himmlische Frieden schien aus dem Herbstwald zu wehen, der nach Koniferen und den sanfteren Geruch des sterbenden Laubs duftete. Vorsichtig stieg sie den Weg bis zum Brunnen hinauf, hielt inne, um einen Schluck kaltes Wasser zu trinken, und ging dann weiter, bis sie eine Viertelstunde später am Rand einer Felsenklippe auskam, von der man am Tage einen endlosen Ausblick auf Berge und Täler hatte. Bei Nacht war es, als säße man am Rand der Ewigkeit.
Mit der Kühle der Nacht sickerte Friede in ihre Seele, und sie hieß ihn mit offenen Armen willkommen. Doch irgendwo in ihren Gedanken herrschte noch Unruhe, ein Brennen in ihrem Herzen, ein Misston in der weiten Stille ringsum.
Ian würde sie niemals anlügen. Das hatte er ihr gesagt, und sie glaubte ihm. Doch sie war nicht so töricht zu glauben, dass er ihr deshalb alles erzählte, was sie vielleicht gern gewusst hätte. Und sie hätte sehr gern mehr über Wakyo’tenyensnohnsa gewusst, die Mohawkfrau, die Ian Emily genannt … und geliebt hatte.
Möglich also, dass sie noch lebte, oder auch nicht. Wenn sie noch lebte … unter welchen Umständen mochte das sein?
Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, sich zu fragen, wie alt Emily sein mochte und wie sie wohl aussah. Ian hatte es nie erwähnt; sie hatte nie gefragt. Es war ihr nicht wichtig erschienen, doch jetzt …
Nun, wenn sie ihn allein antraf, würde sie ihn fragen, das war alles. Entschlossen wandte sie ihr Gesicht dem Mond zu und ihr Herz dem inneren Licht und machte sich bereit zu warten.


(c) 2015 Diana Gabaldon & Barbara Schnell. Bitte verlinkt auf diesen Eintrag, aber kopiert ihn nicht.