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Alles Gute zum 97sten Geburtstag, Claire!

Heilende Hände

Roger hob das Kinn, und ich streckte vorsichtig die Hand aus und legte ihm die Finger just unterhalb des Kiefers um den Hals. Er hatte sich gerade rasiert; seine Haut war kühl und etwas feucht, und ich fing einen Hauch der Rasierseife auf, die Brianna für ihn machte und die nach Wacholderbeeren duftete. Diese kleine Bewegung hatte etwas an sich, was mich rührte – und noch mehr rührte mich die Hoffnung in seinen Augen, die er zu verbergen versuchte.
„Du weißt ...“, sagte ich zögernd und spürte, wie sich sein Adamsapfel unter meiner Hand bewegte.
„Ich weiß“, sagte er schroff. „Keine Erwartungen. Wenn etwas geschieht … nun, dann ist das so. Wenn nicht, bin ich auch nicht schlechter dran.“
Ich nickte und tastete sanft umher. Ich hatte das schon einmal getan, als ich mich nach seiner Verletzung um die Schwellung und die Wunde kümmerte, die der Galgenstrick verursacht hatte und die jetzt eine unebene weiße Narbe war. Der Luftröhrenschnitt, den ich durchgeführt hatte, um ihm das Leben zu retten, hatte eine kleinere Narbe in seiner Halsmulde hinterlassen, eine kleine Vertiefung von etwa drei Zentimetern Länge. Ich fuhr mit dem Daumen darüber und spürte die unversehrten Knorpelringe darüber und darunter. Die Sachtheit der Berührung ließ ihn plötzlich erschauern, und er stieß ein flüsterndes Lachen aus.
„Ich bekomme eine Gänsehaut“, sagte er.
„Besser als Halsschmerzen“, sagte ich lächelnd. „Erzähl mir noch einmal, was Dr. MacEwan gesagt hat.“
Ich hatte meine Hand nicht fortgenommen und spürte die krampfhafte Bewegung seines Adamsapfels, als er sich heftig räusperte.
„Er hat meinen Hals betastet – ähnlich wie du jetzt“, fügte er hinzu und erwiderte das Lächeln. „Und er hat mich gefragt, ob ich wüsste, was ein Zungenbein wäre. Er hat gesagt ...“, Rogers Hand hob sich unwillkürlich an seinen Hals, hielt jedoch inne, ehe sie ihn berühren konnte, „... meins befände sich zwei oder drei Zentimeter höher als normal, und dass ich tot wäre, wenn es an der üblichen Stelle wäre.“
„Tatsächlich“, sagte ich neugierig. Ich legte ihm einen Daumen unter das Kinn und sagte: „Bitte schluck einmal.“
Das tat er, und ich berührte meinen eigenen Hals und schluckte, ohne den seinen loszulassen.
„Ich werd' verrückt“, sagte ich. „Es ist natürlich nur eine kleine Stichprobe, und es ist möglich, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt – aber es ist gut möglich, dass er recht hat. Vielleicht bist du ja ein Neanderthaler.“
„Ein was?“ Er starrte mich an.
„Nur ein Scherz“, beruhigte ich ihn. „Aber es ist wahr, dass einer der Unterschiede zwischen den Neanderthalern und modernen Menschen das Zungenbein ist. Die meisten Forscher glauben, dass sie gar keins hatten und daher nicht sprechen konnten, aber mein Onkel Lamb meinte … man braucht es, um verständlich zu sprechen“, fügte ich hinzu, als ich seinen verständnislosen Blick sah.   „Es gibt der Zunge Halt.“
„Wie außerordentlich faszinierend“, sagte Roger höflich.
Ich räusperte mich ebenfalls und legte die Finger erneut um seinen Hals.
„Gut. Und nachdem er das mit deinem Zungenbein gesagt hat – was hat er getan? Wie hat er dich berührt?“
Roger legte den Kopf etwas zurück, hob die Hand und korrigierte meinen Griff, indem er meine Hand einige Zentimeter nach unten schob und meine Finger spreizte.
„Ungefähr so“, sagte er, und ich stellte fest, dass meine Hand jetzt alle wesentlichen Teile seines Halses bedeckte – oder zumindest berührte –, vom Kehlkopf bis zum Zungenbein.
„Und dann …?“ Ich lauschte gebannt – nicht seiner Stimme, sondern meinem Empfinden seiner Haut. Ich hatte meine Hände schon dutzende von Malen auf seinem Hals liegen gehabt, vor allem während seiner Genesung nach dem Galgen, doch jetzt hatte ich ihn seit Jahren nicht mehr berührt. Ich konnte seine kräftigen Halsmuskeln fest unter der Haut spüren, und ich fühlte seinen Puls, kraftvoll und regelmäßig – etwas schnell, und ich begriff, wie wichtig ihm dies war. Ich spürte einen kleinen Stich; ich hatte keine Ahnung, was Hector MacEwan getan haben mochte – oder was Roger glaubte, was er getan haben mochte –, und ich wusste erst recht nicht, was ich selbst tun sollte.
„Ich weiß, wie sich Euer Kehlkopf anfühlt und wie sich ein normaler Kehlkopf anfühlt – und ich versuche, ihn sich so anfühlen zu lassen.“ Das war es, was MacEwan als Erwiderung auf Rogers Fragen gesagt hatte. Ich fragte mich, ob ich wusste, wie sich ein normaler Kehlkopf anfühlte.
„Ich hatte ein Gefühl von Wärme.“ Roger hatte die Augen geschlossen; er konzentrierte sich auf meine Berührung. Ich schloss die meinen ebenfalls. Die glatte Wölbung seines Kehlkopfs lag unter meiner Handwurzel und bewegte sich sacht auf und ab, wenn er schluckte. „Nichts Beunruhigendes. Nur ein Gefühl, wie wenn man in ein Zimmer tritt, in dem ein Feuer brennt.“
„Fühlt sich meine Berührung jetzt warm für dich an?“ Eigentlich sollte sie das, dachte ich; seine Haut war kühl von der Verdunstung beim Rasieren.
„Ja“, sagte er, ohne die Augen zu öffnen. „Aber nur äußerlich. Es war innerlich, als Dr. MacEwan … getan hat, was er getan hat.“ Seine dunklen Augenbrauen zogen sich konzentriert zusammen. „Es … ich habe es … hier gespürt.“ Er hob die Hand und schob meinen Daumen etwas rechts von der Mitte, direkt über das Zungenbein. „Und … hier.“ Seine Augen öffneten sich überrascht, und er drückte zwei Finger auf die Haut oberhalb seines Schlüsselbeins, etwas links der Drosselgrube. „Wie seltsam; das hatte ich ganz vergessen.“
„Und da hat er dich auch berührt?“ Ich bewegte meine unteren Finger abwärts und spürte das Erwachen meiner Sinne, wie es oft geschah, wenn ich ganz mit dem Körper eines Patienten verbunden war. Roger spürte es ebenfalls – seine Augen richteten sich verblüfft auf die meinen.
„Was …?“, begann er, doch ehe einer von uns noch etwas sagen konnte, erscholl draußen ein schrilles Jaulen. Es wurde auf der Stelle gefolgt von einem Durcheinander jugendlicher Stimmen, weiterem Gejaule, dann brüllte eine Stimme, die nur einer sehr aufgebrachten Mandy gehören konnte: „Du bist böse, du bist böse, du bist böse, und ich hasse dich! Du bist böse, und du kommst in die HÖLLE!“
Roger sprang auf und schob den improvisierten Gazevorhang beiseite, der das Fenster verdeckte.
„Amanda!“, brüllte er. „Komm sofort hier herein!“ Über seine Schulter hinweg sah ich Amanda, die mit wutverzerrtem Gesicht versuchte, ihre Puppe Esmeralda zu fassen, die Germain knapp über ihrem Kopf an einem Arm baumeln ließ, während er hin und her tänzelte, um Amandas Versuchen, ihn zu treten, auszuweichen.
Germain blickte erschrocken auf, und Amanda traf ihn mit voller Wucht am Schienbein. Sie trug die stabilen Schnürschuhe, die Jamie ihr beim Schuster in Salem gekauft hatte, und das Knacken beim Zusammenprall war deutlich zu hören., auch wenn es augenblicklich von Germains Schmerzensruf übertönt wurde. Jemmy griff mit angewiderter Miene nach Esmeralda, drückte sie Amanda in die Arme, sah sich schuldbewusst um und rannte auf den Wald zu, wohin Germain ihm humpelnd folgte.
„Jeremiah!“, dröhnte Roger. „Bleib sofort stehen!“ Jem erstarrte, als hätte ihn ein Todesstrahl getroffen; nicht so Germain, der unter wildem Rascheln im Gebüsch verschwand.
Ich hatte nur Augen für die Jungen gehabt, doch ein leises Würgen ließ mich den Blick scharf auf Roger richten. Er war blass geworden und fasste sich mit beiden Händen an den Hals. Ich nahm seinen Arm.
„Hast du dir wehgetan?“
„Ich … weiß es nicht.“ Seine Stimme kam als kratzendes Flüstern, doch er lächelte mich schwach und schmerzerfüllt an. „Glaube, ich … habe mir vielleicht etwas gezerrt.“
„Papi?“, sagte eine Stimme kleinlaut an der Tür. Amanda schniefte theatralisch und verteilte mit den Fingern Tränen und Rotz in ihrem Gesicht. „Schimpfst du jetzt, Papi?“
Roger holte aus tiefster Seele Luft, hustete und ging zu ihr. Er hockte sich hin, um sie in die Arme zu nehmen.
„Nein, Schätzchen“, sagte er leise – aber mit einigermaßen normaler Stimme, und die Verkrampfung in meinem Inneren begann nachzulassen. „Ich schimpfe nicht. Aber du darfst niemandem sagen, dass er in die Hölle kommt. Komm her, wir waschen dein Gesicht.“ Er stand auf, hob sie hoch und wandte sich meinem Arbeitstisch zu, auf dem eine Schüssel und ein Krug standen.
„Ich mache das“, sagte ich und streckte die Arme nach Mandy aus. „Vielleicht solltest du dich ... äh … mit Jem unterhalten?“
„Mmpfm“, sagte er und reichte sie mir. Wie immer klammerte sich Mandy liebevoll an meinen Hals und schlang die Beine um meine Taille.
„Können wir meinem Püppchen auch das Gesicht waschen?“, fragte sie. „Böse Jungs haben sie schmutzig gemacht!“
Ich lauschte mit halbem Ohr auf Mandy, die ihre Puppe tröstete und auf ihren Bruder und Germain schimpfte, doch der Großteil meiner Aufmerksamkeit war auf das Geschehen im Freien gerichtet. Ich konnte Jems Stimme hören, die schrill argumentierte, und Rogers, fest und viel tiefer, doch ich konnte keine Worte ausmachen. Doch Roger redete, und ich hörte ihn nicht würgen oder husten … das war gut.
Der Gedanke daran, wie er die Kinder angebrüllt hatte, war noch besser. Ich hatte das schon öfter gehört – angesichts der Natur von Kindern im Allgemeinen und der Wildnis im Besonderen ließ es sich nicht vermeiden –, aber ich hatte noch nie gehört, dass sich seine Stimme dabei nicht überschlug, gefolgt von Husten und Räuspern. MacEwan hatte gesagt, die Verbesserung sei nur klein, und die Heilung bräuchte Zeit. Hatte ich tatsächlich etwas Hilfreiches getan?
Ich warf einen kritischen Blick auf meine Handfläche, aber sie sah eigentlich wie immer aus; eine halb verheilte Schnittverletzung am Mittelfinger, Flecken vom Brombeerpflücken und eine aufgeplatzte Blase am Daumen, weil ich ohne Topflappen eine Pfanne voll Speck vom Herd gerissen hatte, die Feuer gefangen hatte. Auf jeden Fall keine Spur von blauem Licht.
„Wasdas, Oma?“ Amanda beugte sich vom Tisch, um meine Handfläche zu betrachten.
„Was denn? Der schwarze Fleck? Ich glaube, das ist Tinte; ich habe gestern Abend in mein Krankenbuch geschrieben. Kirsty Wilsons Hautausschlag.“ Erst hatte ich gedacht, es wäre nur Giftsumach, aber es war besorgniserregend hartnäckig … allerdings kein Fieber … vielleicht war es Nesselsucht? Oder eine Art atypischer Schuppenflechte?
„Nein, das da.“ Mandy stieß mit ihrem feuchten Knubbelfinger nach meiner Handwurzel. „Issein Buchstabe!“ Sie verdrehte den Kopf, um es sich genauer anzusehen, und ihre schwarzen Locken kitzelten meinen Arm. „Buchstabe J!“, verkündete sie triumphierend. „J wie Jemmy! Ich hasse Jemmy“, fügte sie stirnrunzelnd hinzu.
„Äh ...“, sagte ich völlig verdattert. Es war in der Tat der Buchstabe „J“. Die Narbe war zu einer schmalen weißen Linie verblasst, doch wenn das Licht richtig stand, war sie immer noch deutlich zu erkennen. Die Narbe, die mir Jamie zugefügt hatte, als ich ihn in Culloden verlassen hatte. Ihn dem Tod überlassen hatte, während ich mich durch die Steine stürzte, um sein ungeborenes, unbekanntes Kind zu retten. Unser Kind. Und wenn ich es nicht getan hätte?
Ich sah Mandy an, blauäugig und schwarz gelockt und perfekt wie ein Frühlingsäpfelchen. Hörte Jem im Freien, der jetzt mit seinem Vater kicherte. Es hatte uns zwanzig Jahre der Trennung gekostet – Jahre voll Trauer, Schmerz und Gefahr. Und das war es wert gewesen.
„Es steht für Opas Namen. J wie Jamie“, sagte ich zu Amanda, die nickte, als sei das vollkommen logisch, und ihre durchnässte Puppe an ihre Brust geklammert hielt. Ich berührte ihre leuchtende Wange und bildete mir eine Sekunde lang ein, meine Finger seien mit Blau überzogen.
„Mandy“, sagte ich, weil mir plötzlich ein Gedanke kam. „Welche Farbe hat mein Haar?“
„Wenn Euer Haar weiß ist, werdet Ihr Eure vollen Kräfte erlangen.“ Eine alte Tuscarora-Weise namens Nayawenne hatte das vor Jahren zu mir gesagt – das und eine Reihe anderer verstörender Dinge.
Einen Moment sah mich Mandy konzentriert an, dann sagte sie entschlossen: „Scheckig.“
„Was? Wo zum Kuckuck hast du denn dieses Wort gelernt?“
„Opa. Er sagt, das ist Charlies Farbe.“ Charlie war ein sehr extravagantes Schwein, das zum Haushalt der Beardsleys gehörte.
„Hmm“, sagte ich. „Also noch nicht. Na schön, Schätzchen, lass uns gehen und Esmeralda zum Trocknen aufhängen.“


© 2015 Diana Gabaldon & Barbara Schnell. Bitte verlinkt auf diesen Text, aber kopiert ihn nicht.