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Ein paar Worte über Kritiken und Interviews

Vorbemerkung (von einer, die weiß, wovon sie spricht): Ich bin seit dreißig Jahren Gegenstand von Buchbesprechungen und Interviews. Ich habe aber früher auch selbst Kritiken geschrieben und sowohl Software und neue Technologien als auch Romane besprochen (Letzeres tue ich hin und wieder heute noch). Musste – Gott sei Dank – noch nie jemanden interviewen. Das gut zu machen, ist sehr schwierig.
Nun ist mir vor Kurzem aufgefallen, dass sich viele Leser/Zuschauer in den sozialen Medien entsetzt bzw. entrüstet darüber gezeigt haben, dass ein TV-Moderator das Buch (!) nicht gelesen hatte, ehe er mit Sam Heughan ein Interview über die Serie und seine Rolle darin/seine Gedanken darüber geführt hat.
Halt, Moment, fällt Ihnen da etwas auf? Er hatte das BUCH nicht gelesen. Vor dem Interview mit einem SCHAUSPIELER. Bezüglich einer TV-SERIE. Eins von diesen Dingen ist nicht wie die anderen, wie es in der Sesamstraße heißt.
Schön. Es ging also überhaupt nicht um das Buch, höchstens in dem Sinne, ob es Einfluss auf das eigentliche Thema hatte. Kann man von jemandem, der TV-Interviews führt, wirklich erwarten, dass er oder sie als Vorbereitung auf jedes dieser Interviews ein Buch in der Größenordnung von „Feuer und Stein“ liest? (Ich kenne Leute, die es über Nacht gelesen haben – Ron D. Moore zum Beispiel – und Leute/Fans, die drei Monate dazu gebraucht haben.)
Ich würde sagen, dass das physikalisch unmöglich ist. Zwar kommt es vor, dass ein Journalist einen Auftrag Monate im Voraus bekommt; meistens jedoch sind es keine vierundzwanzig Stunden. (TV-Moderatoren bekommen ihn, wenn ihnen ihr Assistent fünf Minuten vor Sendebeginn das Skript für die nächste Sendung vor die Nase hält. Das ist der Grund, warum a) ein verantwortungsbewusster Assistent dem Gast DEUTLICH vor Sendebeginn ein paar Fragen stellen wird, z.B. wie man seinen Namen ausspricht, und ihn b) der Gast wenn er das nicht tut, höflich fragen sollte, ob er weiß, wie der Name ausgesprochen wird – und ihn bittet, einen Blick auf das Skript werfen zu dürfen, falls er es gerade zur Hand hat.*)
Nun war ich früher Chefredakteurin (und Buchkritikerin) eines Magazins namens „Science Software Quarterly“. Damals bekam ich bergeweise Bücher, die sich mit allen möglichen Aspekten des wissenschaftlichen Arbeitens, des wissenschaftlichen Computereinsatzes, der Automatisierung von Laboren, des Sammelns und der Analyse von Daten etc. befassten. Um eine Besprechung zu schreiben, ging ich folgendermaßen vor: Ich habe die Pressemitteilung gelesen, falls dem Buch eine beigelegt war (falls nicht, den Klappentext), habe mir den ersten Absatz kopiert (der erste Absatz einer solchen Pressemitteilung  fasst immer kurz zusammen, um was für ein Buch es sich handelt) und es dann durchgeblättert mit dem Augenmerk auf dem Layout (lesbare Type, reichlich Zeilendurchschuss = gut; kleine Type, drangvolle Enge = schlecht; Index und Inhaltsverzeichnis = gut, endloses Vorwort = schlecht) und der Häufigkeit und Verständlichkeit der Illustrationen. Habe den Index (falls vorhanden) überflogen, um mir ein Bild von thematischen Rahmen des Buchs zu machen, und dann ein halbes Dutzend zufällig herausgepickte Absätze gelesen, um einen Eindruck vom Schreibstil zu bekommen. Ich habe ungefähr zwanzig Minuten gebraucht, um eine brauchbare Besprechung von etwa einer Schreibmaschinenseite zu schreiben.
Für die Washington Post habe ich Romane besprochen. Ich habe jedes Buch vollständig und sorgfältig gelesen und es dann eine paar Tage im Kopf mit mir herumgetragen, um darüber nachzudenken und mir darüber klar zu werden, warum mir dies gefallen hatte und jenes nicht, zu einer allgemeinen Aussage über das Buch und über meine Reaktion darauf zu kommen und mir Zitate zu markieren, mit denen ich meine Argumentation unterstreichen konnte. Ich habe etwa drei Stunden gebraucht, um (meistens in zwei oder drei Durchgängen) eine brauchbare Besprechung von etwa zwei Maschinenseiten zu schreiben.
Was ich damit sagen will, ist, dass Kritken (und Interviews) im Idealfall auf die Bedürfnisse des zu erwartenden Publikums zugeschnitten sind. Die „SSQ “-Leser mussten wissen: „Kann ich davon ausgehen, dass mir dieses Buch nützliche Informationen liefert, und zwar auf eine Weise, die gut zugänglich ist? “ Die Leser der „Post“ mussten einiges mehr über einen Roman und meine Meinung darüber erfahren, um dann zu entscheiden, ob sie Zeit und Geld in die Lektüre investieren wollten.
Und wenn man selbst der Gegenstand von Kritik oder Interview ist … werden einem oft dieselben Fragen wieder und wieder gestellt. Der eine oder andere mag dem Interviewer Faulheit unterstellen. Möglich, dass Faulheit im Spiel ist – oder auch einfach Pragmatismus; viele TV- oder Radio-Interviewer müssen täglich mehrere Beiträge abliefern; sie haben keine Zeit, sich originelle Fragen mit Tiefgang zu überlegen, und darauf sind ihre Sendungen ehrlich gesagt auch gar nicht zugeschnitten. Normalerweise ist ein solches Interview dazu da, kurze, unterhaltsame Antworten auf drei oder vier Fragen zu liefern, und wenn es gedruckt erscheint, ist das „exklusive“ Foto über dem Text viel wichtiger als alles, was darin gesagt wird, es sei denn, man erwischt seinen Interviewpartner zufällig auf dem falschen Fuß und bekommt möglicherweise wunderbar recycelbare Antworten, die die Person am besten schon beim ersten Mal nie gesagt hätte. Der Hintergrund ist jedenfalls derselbe: Es kann ja sein, dass der Interviewpartner eine Frage schon tausendmal beantwortet hat, aber es gibt immer neue Leser/Zuschauer, die die Antwort auf „Also, wie sind sie denn darauf gekommen, diese Bücher zu schreiben?“ noch nicht kennen und sie gern erfahren würden.
Das lässt sich nicht leugnen – genau so wenig wie die Tatsache, dass ich diese Frage (manchmal etwas eleganter formuliert) tatsächlich schon zehntausendmal beantwortet habe  (vorsichtig geschätzt. Und die Antwort steht auf meiner Website und in zehntausend anderen Interviews, die man alle googeln kann). Ein Interviewer, der diese Frage stellt (oder das andere habe Dutzend Standardfragen), bekommt die Schildkröt-Antwort. (Ist hier jemand so alt, dass er sich noch an die ersten sprechenden Schildkröt-Puppen aus den Sechzigern erinnert? Wenn man an einer Schnur in ihrem Rücken zog, sagten sie Dinge wie „Bitte bürste mir die Haare!“ oder „Willst du meine Freundin sein?“)
Der Interviewer bekommt also eine knappe, akkurate, mehr oder weniger gewitzte Antwort (die ich im Schlaf wiederholen könnte – was ich oft sogar tue), die Fans, die das noch nie gehört haben, erfahren etwas Neues, und mit etwas Glück ist die nächste Frage ja anspruchsvoller, z.B., wie meine Hunde heißen. Diese Art von Interviews ist ähnlich wie meine „SSQ“-Buchsprechungen; ich brauche mir dafür kein Bein auszureißen.
Andererseits GIBT es wirklich gute Interviewer, und es ist ein Vergnügen, sich mit so jemandem zu unterhalten. Die Journalisten des „National Public Radio“ sind immer gut und haben normalerweise nicht nur das letzte Buch gelesen, sondern die ganze Reihe, und Bibliothekare, die einen bei Lesungen interviewen, sind normalerweise ebenfalls gut vorbereitet und bringen eine Vielzahl von Fragen mit, die nicht so häufig gestellt werden. Aber ihre Interviews sind auch lang und ausführlich und richten sich an ein Publikum, das sich für Bücher interessiert. Ein NPR-Interview dauert eine Stunde und bleibt eine ganze Weile in der Mediathek stehen. Eine Veranstaltung in einer Bibliothek dauert für gewöhnlich 20 bis 30 Minuten und wird oft mitgeschnitten – auf jeden Fall sind hunderte von Menschen live dabei.
Worauf ich hinaus will, ist, dass jede Art von PR auf einen bestimmten Zweck zugeschnitten ist, und dieser Zweck beeinflusst wiederum sowohl den Umfang der Produktion als auch die Vorbereitung und Herangehensweise des Interviewers.
Um noch einmal auf das Interview zurückzukommen, das die besagten Wellen geschlagen hat – es war relativ lang, 24 Minuten, und war als „Emmy-Treff mit Sam Heughan“ angekündigt. Was meinen wir also, wozu es dienen sollte? Vermutlich doch dazu, Sam Heughan ins Scheinwerferlicht zu rücken und ihn potentiellen Emmy-Wählern vorzustellen, die vielleicht etwas über ihn als Schauspieler und als Person wissen wollten und auf diesem Weg auch etwas über die Serie erfahren konnten, in der er mitspielt.
Es zielte also nicht auf eingefleischte Fans der Bücher ab. Die wiederholten Fragen des Moderators, ob diese oder jene Szene auch so im Buch stand, mögen zwar uninformiert geklungen haben, aber sie haben Sam die Gelegenheit gegeben, ausführlich über besagte Szenen zu sprechen, über die Art der Adaption, darüber, was es für ein Gefühl war, sie zu spielen, was er von den Originalbüchern hält und was ihm sonst noch dazu einfiel – und DARUM ging es in besagtem Interview.**
Wenn Sie also ein Interview sehen oder lesen und den Interviewer am liebsten erwürgen würden, wäre es möglicherweise besser für Ihr seelisches Wohlergehen, wenn Sie einen Schritt zurücktreten und sich fragen würden, a) wer das Zielpublikum ist, b) in welchem Rahmen es veröffentlicht wurde (die meisten TV-“Interview“-Segmente dauern höchstens vier bis fünf Minuten. Das reicht nicht für Tiefgang, glauben Sie mir) und c) welchen Zweck es (für den Moderator und seinen Gesprächspartner) erfüllen sollte?


*Die Frage, ob ich das Skript sehen darf, hat zumindest einmal verhindert, dass ich einem Moderator vor laufender Kamera die Eingeweide herausreiße. Das war in Australien, und es ist viele Jahre her – ein „Live“-Interview im Radio (wobei „Live“ bedeutete, dass Publikum im Studio war, etwas, das ich noch nicht oft und seit fünfzehn Jahren gar nicht mehr erlebt habe) mit einem männlichen Moderator. Ich weiß nicht, wer das Skript geschrieben hatte, aber wer auch immer es war, hatte beschlossen, einige der deftigeren Szenen aus dem Buch zu zitieren, und der Moderator sollte mich dann fragen, warum Frauen meiner Meinung nach „solche Bücher mögen“. Räusper. Das Problem war nur, dass es die Art von Passagen, nach denen sie suchten, gar nicht gab, also hatte der Autor des Skripts hier und da einzelne Sätze herausgepickt und sie zusammengefügt, um seinen Schmachtfetzen zu bekommen.
„Haben Sie einen Stift?“, habe ich den Produktionsassistenten gefragt, der mir – ziemlich befremdet – einen gegeben hat. Ich habe das Skript überflogen, einiges durchgestrichen und ein paar … äh … zutreffendere Fragen eingefügt („Leute“ und „Bücher mögen“ habe ich stehen gelassen, da es ja eine berechtigte Frage ist). „Entweder so“, habe ich gesagt und das Skript zurückgegeben, „oder Sie können sich einen anderen Interviewgast suchen.“ Da es drei Minuten vor  Sendebeginn war, haben wir es nach meinem Skript gemacht. Ich kann zwar nicht sagen, dass es ein sehr herzliches Interview war, aber es ist kein Blut geflossen, und das Publikum im Studio schien es unterhaltsam zu finden.


** Zufälligerweise stellte sich dabei heraus, dass die angesprochenen Szenen tatsächlich alle aus dem Buch stammten (dass es sich also wohl um eine gelungene Adaption handelt), was ich persönlich sehr erfreulich fand, auch wenn es eigentlich um etwas anderes ging.