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Das "Offizielle Outlander Malbuch" -- ein Abenteuer für sich

Am 27. Oktober erscheint in den USA das „Official Outlander Coloring Book“, deshalb dachte ich mir, ich erkläre Ihnen etwas über den Hintergrund dieses Malbuchs, damit Sie sich mehr darunter vorstellen können.
Erst einmal: Es ist kein Bilderbuch. Keine Graphic Novel, meine ich. Es ist ein Malbuch für Erwachsene; jede Seite enthält ein eigenes Bild zum Ausmalen. Es wird Ihnen also nichts erzählen, was Sie nicht schon wissen. (Wenn es das ist, was Sie möchten, gestatten Sie mir, Sie auf meine diversen Kurzromane hinzuweisen, die alle möglichen interessanten Lücken in der Story füllen …)
Also … Malbücher für Erwachsene. Das ist offensichtlich eine angesagte Sache, und diese Bücher werden nicht nur als Zeitvertreib angepriesen, sondern auch als Meditationshilfe. Ich kann mir das vorstellen und habe auch schon einige solcher Malbücher gesehen, die mit Sicherheit eine interessante Sache sind, wenn man an so etwas Freude hat. (Anmerkung: Das „für Erwachsene“ bedeutet nur, dass sie als Bücher für Erwachsene vermarktet werden, nicht, dass sie Illustrationen enthalten, die unter den Jugendschutz fallen. Ich fände das zwar interessanter, aber es wäre wohl keine gute Marketingstrategie.)
Allerdings hatte ich nie daran gedacht, selbst zum Malbuch zu werden. Doch vor ein paar Monaten hat mich ein Ableger meines amerikanischen Verlags gefragt, ob wir (meine Agenten und ich) es gestatten würden, ein „Offizielles Outlander-Malbuch“ herauszubringen (anscheinend mit dem Hintergedanken, dass es für „Game of Thrones“ auch eins geben wird, und wenn George eins bekommt, sollte ich auch eins haben. Applaus für so viel Sinn für Anstand und Gleichberechtigung).
Da man uns versicherte, wir bräuchten uns „keine Sorgen zu machen; es würde uns auch keine Arbeit machen!“ (man sollte übrigens nie glauben, wenn einem jemand das sagt), haben wir unser OK gegeben. Und ich wurde auf der Stelle mit Mustern zugeschüttet und gedrängt, mir fünf bis acht Illustratoren auszusuchen, deren Arbeit mir zusagte, weil man (natürlich) sofort anfangen musste, und zwar mit mehreren Zeichnern, um das Buch gleichzeitig mit dem zweiten Kompendium auf den Markt bringen zu können, das (im Original; die deutsche Fassung ist in Arbeit; Erscheinungsdatum wird demnächst bekanntgegeben) ebenfalls Ende Oktober erscheint. Also habe ich das getan, und los ging's.
Ich weiß nicht mehr, wie viele Illustrationen es geworden sind, aber es sind ziemlich viele. Und ich musste mir jede einzelne ansehen, sie kritisieren oder genehmigen (oder zumindest durchgehen lassen), und das in diversen Versionen von der Skizze zur Grobfassung bis hin zur hochauflösenden Endfassung. Ich kann mich darüber nicht beschweren; wenn etwas auf den Markt kommt, was mit meiner Arbeit zu tun hat, will ich zumindest sehen, was es ist. (Und ich wusste ja, dass alle Welt davon ausgehen würde, dass ich jedes Bild persönlich genehmigt, wenn nicht sogar selbst gezeichnet habe.)
Die meisten Illustrationen sind wirklich gut; einige sind großartig; fast alle sind brauchbar. Ein paar sprechen mich persönlich nicht an, aber das ist Geschmackssache. Und wenn der Preis für gute Qualität so aussieht, dass man täglich mit E-Mails überschüttet wird, in denen es heißt, „Bitte wirf einen Blick darauf und sag uns bis morgen früh, was Du davon hältst, weil ES SOFORT IN DIE PRODUKTION MUSS“ … dann ist das eben so.
(Falls einigen von Ihnen aufgefallen ist, dass es in den letzten Monaten kaum Neuigkeiten von/aus Band neun gegeben hat: Das liegt daran, dass ich gleichzeitig mit der Produktionsphase des zweiten Kompendiums beschäftigt war – was das heißt, steht hier: www.dgabaldon.de/blog/html/20120208_ 0.htm
–, dass ich ein Drehbuch für die zweite Staffel geschrieben habe – fertig; es wird gerade kommentiert und revidiert –, dass ich auf vielen Veranstaltungen Gast war und … an diesem Malbuch. Wie ich den Leuten regelmäßig – und leider vergeblich – zu verklickern versuche: Es gibt mich nur einmal.) –, dass ich ein Drehbuch für die zweite Staffel geschrieben habe – fertig; es wird gerade kommentiert und revidiert –, dass ich auf vielen Veranstaltungen Gast war und … an diesem Malbuch. Wie ich den Leuten regelmäßig – und leider vergeblich – zu verklickern versuche: Es gibt mich nur einmal.)
Wir haben es also ganz gut hinbekommen. Die Redaktion hat sich mit den Grafikern besprochen und hatte eine gute Idee: Da Leute, die gern Bücher ausmalen, besonders schöne Seiten anscheinend gern herauslösen und sie einrahmen oder verschenken, haben sie beschlossen, das Buch so zu drucken, dass jede Illustration eine eigene Seite bekommt (und kein weiteres Bild auf der Rückseite ist, meine ich), und ein kurzes Zitat aus dem Roman auf die gegenüberliegende Seite zu drucken. Sehr schön. Ich habe alle Zitate gelesen, die sie ausgesucht haben, und sie genehmigt.
Inzwischen ist das Buch so gut wie in trockenen Tüchern – es gibt nur noch ein paar kleine Korrekturen in letzter Minute (so ist mir aufgefallen, dass Claire den Ehering an der falschen Hand trägt oder dass der mittlere Kamin von Lallybroch anscheinend geradewegs vor einer ganzen Reihe von Fenstern und der Haustür entlanglief; eine unbeabsichtigte Folge der Tatsache, dass man das Ord House Hotel als Vorbild für die Zeichnung benutzt hat, ein absolut zeitgemäßes Gebäude, das auch genau einen solchen Schornstein hat, der allerdings nur aus Symmentriegründen auf dem Dach angebracht ist und kein richtiger Kaminausgang ist. Das weiß ich, weil ich selbst schon im Ord House Hotel übernachtet habe und es erkannt habe) … und dann …
Dann kommt der Umschlag. Ich möchte ja niemandem in der Redaktion oder der Werbeabteilung heimliche Absichten unterstellen, aber ich möchte sagen, dass dies nicht das erste Mal ist, dass man mir ein Titelbild mit der Bemerkung unterschiebt, dass ich den Vorschlag hoffentlich OK finde, WEIL ES SOFORT IN DIE DRUCKEREI MUSS  (oder in einem ähnlich knappen Zeitrahmen). Wäre ich ein argwöhnischer Mensch, könnte ich denken, dass dahinter die Absicht steckt, mich so in Panik zu versetzen, dass ich etwas akzeptiere, was sie gern hätten, obwohl sie sich ziemlich sicher sind, dass ich zeitraubende Einwände dagegen habe. Glücklicherweise bin ich kein argwöhnischer Mensch, daher würde mir so etwas nie in den Sinn kommen.
Nun denn. Wie schon gesagt, sind die meisten Illustrationen in diesem Buch gelungen, und ein paar sind wirklich toll. Eine oder zwei … mmm. Eines dieser „Mmm“-Bilder zeigt Jamie und Claire in ihren Hochzeitskleidern. (Nichts gegen die Kleider. Sie sehen zwar weder so aus wie die Kleider in der Serie noch wie die, die im Buch beschrieben sind; das sollen sie auch gar nicht. Die Kleider sind OK, das ganze Bild ist einfach sehr statisch.)
Lassen Sie mich hier abschweifen, um ihnen etwas über die Illustration der Figuren zu erzählen. Da Sony die Rechte an sämtlichen Bildern aus der Serie besitzt und die Schauspieler (verständlicherweise) die Rechte an jeder Art von Abbildung ihrer Gesichter, kommt es nicht in Frage, die Figuren so zu illustrieren, dass sie irgendwelche Ähnlichkeit mit den Figuren der Serie haben (Dasselbe gilt für das „Game of Thrones“-Malbuch). Dadurch würden sich Lizenzfragen auftun, und es müssten Genehmigungen eingeholt werden, durch die die Herstellung des Malbuchs zu teuer würde – daher geht es eher darum, Jamie, Claire, Jack Randall usw. möglichst neutral darzustellen. Und da mehrere Illustratoren an diesem Buch arbeiten, werden Sie darin auch mehrere Versionen von Jamie, Claire etc. finden. Die meisten sind ziemlich harmlos. (Man hat mir gesagt, dass Malbuch-Fans Gesichter sowieso langweilig finden. Hoffen wir, dass das stimmt.)
Ich höre also von der Redaktion, dass die Werbeabteilung meint, dass wir Jamie und Claire zusammen auf dem Titel haben müssen; wie wäre es also angesichts der Zeitknappheit, wenn wir das Hochzeitsbild aus dem Buch benutzen?
Mmmm. Nun, erstens habe ich etwas gegen alles, was aussieht wie der Titel eines Liebesromans. Darüberhinaus möchte ich kein statisches Bild, auf dem nichts passiert (und auf dem Hochzeitskleiderbild passiert nichts; es zeigt zwei nicht identifizierbare Menschen mit sehr detailliert und hübsch gezeichneter Kleidung. Punkt). Außerdem hatten sie mir zufälligerweise schon das Titelbild für das „GoT“-Buch gezeigt.
Das hat einen ziemlich guten Titel mit einer mysteriösen, stolz dreinblickenden Frau mit einer langen wallenden Robe, der eine Eule zu Füßen sitzt, während im Hintergrund unübersehbar Ränke geschmiedet werden und … es sieht eben aus wie eine Welt, in die man sich durchaus eine Weile hineinbegeben könnte. Auf dieser Illustration ist etwas los.
Darauf habe ich hingewiesen und – bei allem Verständnis für den Zeitdruck – diverse „lebendigere“ Bilder für den „Outlander“-Titel vorgeschlagen: Claire, die sich auf der Jagd um den verletzten Geordie kümmert, vielleicht mit einem erlegten Wildschwein im Hintergrund? Jamie, der mit Schwert und Tartsche einem Widersacher trotzt? Ich meine, die Geschichte ist ja alles andere als ereignislos.
Nein, wir können keine Verletzungen und keine Gewalt auf dem Titel zeigen (Gott bewahre …). Und es mussten unbedingt Jamie und Claire sein. Schön, habe ich gesagt – sie haben schließlich auch ihre ereignisreichen Momente. Claire, die in Leoch Jamies Schulter verbindet? Claire, die nach seinem Sturz vom Pferd auf Jamies Brust sitzt?
Also haben sie zugestimmt, eine neue Zeichnung anfertigen zu lassen, auf der Claire Jamie die Schulter verbindet (ohne dass man Blut sieht – es sei denn, der spätere Benutzer beschließt, es selbst hinzuzufügen), was sehr freundlich von ihnen war. „OK, cool, danke!“, habe ich gesagt.
Und dann kommt die Skizze. OK, eine Skizze ist natürlich nur ein sehr grober Entwurf, der sich noch ändert. Es war eine gekonnte, schön eingeteilte Zeichnung. Die generische Claire hatte ein hübsches, an Da Vinci erinnerndes Madonnengesicht. Jamie dagegen … die Reaktionen einiger enger Freunde, denen ich diese Skizze gezeigt habe, reichten von „Großer Gott, da bekommt man ja Angst!“ bis hin zu „Er sieht aus wie eine Putte auf Crack.“
Zwei oder drei Tage großes Theater, in deren Verlauf ich dem (endlos geduldigen) Artdirektor auf seine Frage, ob ich konkreter beschreiben könnte, was mir an Jamies Gesicht nicht gefällt, (flapsig) geantwortet habe: „Was? 'Sexueller Perverser/Junkie' ist nicht konkret?“ (Ja, ich habe eine sehr konkrete Gesichtsanalyse folgen lassen.) Dann hat jemand vorgeschlagen, die beiden Figuren kleiner anzulegen, sie weiter in den Hintergrund rücken zu lassen und das Zimmer ringsum mit vielen Details auszustatten (etwas, das bei Fans dieser Bücher anscheinend beliebt ist) … und so vielleicht von Jamies Gesicht abzulenken.
Nun denn. Das Einzige, was ich zu Jamies Beschreibung gesagt hatte (da ich ja wusste, dass man ihn neutral anlegen würde), war, dass ich gern hätte, dass er „die Muskularität eines jungen Mannes hätte – gut entwickelt, aber schlank, kein Muskelprotz.“
Hier muss ich innehalten und dem Artdirektor und dem Zeichner danken, die alles Menschenmögliche versucht haben, um meine Einwände zu berücksichtigen, einen straffen Zeitplan einzuhalten und einen tollen Titel zu entwerfen. Da ich bereits eine Graphic Novel in Kooperation mit einem sehr talentierten Künstler hinter mir habe, weiß ich, dass es schlicht nicht möglich ist, mit Hilfe eines Zeichners (und sei er noch so talentiert) die Fantasiegeschöpfe eines Menschen in ein solides visuelles Medium zu übertragen. Daher kann man auch niemandem die Schuld daran geben, dass wir jetzt Jamie Fraser mit zwölf Jahren haben. (Offensichtlich ist diese Claire ein bisschen zu weit in der Zeit zurückgereist.)
Das Ironische an der ganzen Sache ist, dass der Titel-Jamie zwar keinerlei Ähnlichkeit mit dem Jamie aus dem Buch oder der Serie hat … dass er dafür aber Romann Berrux wie aus dem Gesicht geschnitten ist, dem wunderbaren jungen Schauspieler, der Fergus spielt. So viel zu dem Wunsch der Werbeabteilung, Jamie und Claire auf dem Titel zu haben …
Sei's drum – geschafft! Und ich hoffe, dass man es mir irgendwann auch gestatten wird, einige der schönen llustrationen aus dem Inneren des Buchs hier zu zeigen.


--Diana


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