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Happy Birthday, Jamie!

Am ersten Mai hat Jamie Geburtstag. Anfang Mai 1743 macht ihm das Schicksal ein Geschenk, das sein ganzes Leben verändern soll: Claire, die zu diesem Zeitpunkt zu ahnen beginnt, dass sie sich – aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz – womöglich nicht mehr im Jahr 1946 befindet. Anfang Mai 2015 macht der Knaur Verlag den deutschen Lesern ebenfalls ein besonderes Geschenk (ja, ich weiß, man muss das Buch bezahlen, aber eine Selbstverständlichkeit ist so etwas trotzdem nicht): Eine komplette Neuübersetzung des ersten Bandes. Hier also die neue, erste Begegnung zwischen Jamie und Claire – viel Freude beim Lesen!
--Diana


Aus: OUTLANDER -- Feuer und Stein
Ich wich in den Schatten neben dem Kamin zurück, um keine weitere Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Der Mann namens Murtagh hatte mir die Hände losgebunden, ehe er mich hier hereingeführt hatte. Vielleicht konnte ich ihnen ja entschlüpfen, während sie anderweitig beschäftigt waren. Das Augenmerk der Männer hatte sich jetzt auf einen jungen Mann gerichtet, der vornübergebeugt auf einem Hocker in der Ecke saß. Während meines Auftauchens und meiner Befragung hatte er kaum aufgeblickt, sondern den Kopf gesenkt gehalten. Seine linke Hand umklammerte die rechte Schulter, und er wiegte sich vor Schmerzen sacht hin und her.
Dougal schob die Hand behutsam beiseite. Einer der Männer zog das Plaid des jungen Mannes zurück und legte ein schmutzverschmiertes Leinenhemd bloß, das voller Blutflecken war. Ein kleiner Mann mit einem buschigen Schnurrbart trat mit einem Messer hinter den Jungen, hielt das Hemd am Kragen fest und schlitzte es quer über der Brust und am Ärmel auf, so dass es dem Jungen von der Schulter fiel.
Ich schnappte nach Luft, genau wie mehrere der Männer. Die Schulter war schwer verletzt; eine tiefe, zerfetzte Furche lief darüber hinweg, und das Blut sickerte dem jungen Mann unentwegt über die Brust. Noch schockierender jedoch war die Schulter selbst. Sie war grotesk ausgebeult, und der Arm hing in einem unmöglichen Winkel herunter.
Dougal grunzte. »Mmpf. Ausgerenkt, armer Kerl.« Der junge Mann blickte zum ersten Mal wirklich hoch. Obwohl sein Gesicht schmerzverzerrt und mit roten Bartstoppeln überwuchert war, war es ein ausdrucksvolles, gutmütiges Gesicht.
»Bin mit ausgestreckter Hand gefallen, als mich die Musketenkugel aus dem Sattel geworfen hat. Ich bin mit dem ganzen Gewicht auf der Hand gelandet, und knirsch, das war’s.«
»Knirsch, das kann man wohl sagen.« Der Mann mit dem Schnurrbart, ein Schotte und seinem Akzent nach gebildet, betastete die Schulter, so dass der Junge vor Schmerz das Gesicht verzog. »Die Wunde ist kein Problem. Die Kugel ist glatt hindurchgegangen, und sie ist sauber – sie blutet ja auch genug.« Der Mann nahm einen schmutzigen Lappen vom Tisch und benutzte ihn, um das Blut aufzusaugen. »Aber ich weiß nicht genau, was ich mit dem Gelenk machen soll. Wir würden einen Wundarzt brauchen, um es anständig einzurenken. Du kannst doch so nicht reiten, oder, Jamie?«
Musketenkugel?, dachte ich verständnislos. Wundarzt?
Der junge Mann schüttelte kreidebleich den Kopf. »Es schmerzt schon genug, wenn ich still sitze. Mit einem Pferd käme ich nicht zurecht.« Er kniff die Augen zu und biss sich fest auf die Unterlippe.
Murtagh meldete sich ungeduldig zu Wort. »Nun, wir können ihn ja nicht zurücklassen, oder? Die Rotröcke können zwar im Dunkeln keine Spuren lesen, aber sie werden die Kate früher oder später finden, da helfen auch keine Fensterläden. Und mit dem Loch in der Schulter geht Jamie wohl kaum als unschuldiger Bauernlümmel durch.«
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Dougal knapp. »Ich habe nicht vor, ihn zurückzulassen.«
Der Mann mit dem Schnurrbart seufzte. »Dann geht es nicht anders. Wir müssen versuchen, den Arm wieder einzurenken. Murtagh, du und Rupert, ihr haltet ihn fest; ich werde es versuchen.« Ich sah mitleidig zu, wie er den Arm des jungen Mannes am Handgelenk und am Ellbogen packte und begann, ihn mit Gewalt nach oben zu drücken. Der Winkel war völlig falsch; es musste dem Jungen Höllenqualen verursachen. Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht, doch er stieß keinen Laut aus bis auf ein leises Stöhnen. Plötzlich sackte er vornüber, und nur die Männer, die ihn festhielten, verhinderten, dass er auf den Boden fiel.
Einer öffnete eine Feldflasche und drückte sie ihm an die Lippen. Der Geruch des Rohalkohols drang bis zu mir vor. Der junge Mann hustete und würgte, schluckte aber, und bernsteinfarbene Flüssigkeit tropfte auf die Fetzen seines Hemds.
»Bereit für den nächsten Versuch, Junge?«, fragte der kahlköpfige Mann. » Oder vielleicht sollte Rupert es versuchen?«, schlug er vor und wandte sich dem untersetzten, schwarzbärtigen Grobian zu.
Der so Angesprochene ließ seine Finger knacken, als bereitete er sich auf einen Baumstammweitwurf vor, und ergriff das Handgelenk des jungen Mannes. Er hatte eindeutig vor, das Schultergelenk mit blanker Gewalt einzurenken; eine Vorgehensweise, bei der der Arm vermutlich wie ein Besenstiel brechen würde.
»Machen Sie das bloß nicht!« Während jeder Fluchtgedanke in professioneller Entrüstung unterging, setzte ich mich in Bewegung, ohne die verblüfften Blicke der Männer zu beachten.
»Was soll das heißen?«, fuhr mich der Glatzkopf an, sichtlich irritiert über meine Einmischung.
»Das soll heißen, dass Sie ihm den Arm brechen, wenn Sie es so machen«, fuhr ich ihn meinerseits an. »Bitte treten Sie zurück.« Ich schob Rupert mit dem Ellbogen beiseite und griff selbst nach dem Handgelenk des Patienten. Er sah mindestens so überrascht aus wie der Rest, leistete aber keinen Widerstand. Seine Haut war zwar sehr warm, doch ich hatte nicht den Eindruck, dass er Fieber hatte.
»Man muss den Oberarmknochen in den richtigen Winkel bringen, damit er wieder in die Gelenkpfanne rutscht«, erklärte ich und grunzte, als ich das Handgelenk hochzog und den Ellbogen zu mir drehte. Der junge Mann war kräftig; sein Arm war schwer wie Blei.
»Jetzt kommt das Schlimmste«, warnte ich den Patienten. Ich umfasste den Ellbogen, um ihn zu heben und einrasten zu lassen.
Sein Mund zuckte, nicht ganz ein Lächeln. »Viel schlimmer kann es nicht werden. Also los.« Inzwischen brach auch mir der Schweiß im Gesicht aus. Eine Schulter einzurenken ist schon unter normalen Umständen harte Arbeit. Es bei einem kräftigen Mann zu tun, der sich die Schulter vor Stunden ausgekugelt hatte und dessen Muskeln jetzt geschwollen waren und an dem Gelenk zogen, nahm meine ganze Kraft in Anspruch. Das Feuer war gefährlich nah; ich hoffte, dass wir nicht beide hineinpurzeln würden, wenn das Gelenk mit einem Ruck wieder einrastete.
Plötzlich knirschte es leise, und die Schulter war wieder eingerenkt. Der Gesichtsausdruck des Patienten spiegelte totales Erstaunen wider. Er hob ungläubig die Hand, um nachzufühlen.
»Die Schmerzen sind verschwunden!« Ein breites Grinsen entzückter Erleichterung zog sich über sein Gesicht, und die Männer brachen in Beifallsrufe und Applaus aus.


© 2015 Diana Gabaldon, Barbara Schnell, Knaur Verlag / Bitte verlinkt gern auf diesen Beitrag, aber kopiert den Inhalt nicht, denn er unterliegt dem Urheberrecht.