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Schottlands Referendum: "Ja" oder "Nein?

Seit Monaten fragen mich die Leute, was ich über die Volksabstimmung zur schottischen Unabhängigkeit denke, und immer sage ich: “Es ist nicht mein Land. Ich lebe nicht hier. So sehr ich Schottland liebe, ich halte es für unangebracht, meine persönliche Meinung über Schottlands Politik zu äußern.”
Aber jetzt, so kurz vor der Abstimmung, glaube ich nicht, dass es noch irgendjemandem schaden oder nutzen kann. Wieder einmal fragt man mich also nach meiner Meinung und meinem “einzigartigen Blickwinkel”.
Den habe ich allerdings. Ich lebe zwar in Arizona, aber meine jüngste Tochter ist seit zwei Jahren mit einem Schotten verheiratet (beide sagen “Nein”, haupsächlich aus ökonomischen Gründen). Und mein Vater war Politiker, also habe ich Erfahrung aus erster Hand.
Außerdem schreibe ich seit rund zwanzig Jahren an einer Buchserie, die mit OUTLANDER/FEUER UND STEIN beginnt und ihre Wurzeln im Schottland des 18ten Jahrhunderts hat. Sie handelt zunächst vom Jakobiteraufstand von 1745 und schließlich von der amerkanischen Revolution 1765-1783, bei der ein Drittel der Kolonisten aus Schottland stammten. Also kenne ich mich ein bisschen mit der schottischen Geschichte und Politik aus. (Ich werde oft gefragt, wie ich auf die Idee kam, meine Bücher in Schottland anzusiedeln. Sie werden lachen: Der Grund war eine alte (Patrich Troughton) Dr.-Who-Folge, in der ich einen jungen Mann im Kilt gesehen habe. “Nicht schlecht” dachte ich mir. “Irgendwo muss man ja anfangen, warum also nicht? Schottland, 18tes Jahrhundert ...”)
Gerade wird in Schottland eine Fernsehserie gedreht, die auf meinen Romanen basiert, und dadurch habe ich viele Freundschaften mit den Schotten der Filmcrew geschlossen. Viele von ihnen sind sehr gut über die schottische Politik informiert und engagieren sich leidenschaftlich. Auf beiden Seiten.
Es ist wichtig zu bedenken, dass der Jakobiteraufstand im 18ten Jahrhundert ein religiöser Bürgerkrieg war, keine nationalistische Bewegung. Und entgegen dem, was viele immer noch glauben, wollten die Jakobiter nicht “FRRREIHEIT!” (in beliebiger Lautstärke). Ihr erklärtes Ziel war es, den Thron zurück zu erobern, und zwar nicht nur den schottischen, sondern auch den von England und Irland.
Die Schlacht von Culloden, in der 1746 die jakobitischen Clans von englischen Soldaten vernichtet wurden, war ohne Zweifel eine Gräueltat, genau so wie die darauf folgenden Anstrengungen der Regierung, die Kultur der Highlands systematisch auszurotten. Ähnlich wie es die Amerikaner mit den Indianern gemacht haben, mit dem Unterschied, das die Amerikaner es größtenteils geschafft haben.
Verzichtet man aber einmal auf kulturelle Bewertungen, sieht man durchaus eine Verbindung zwischen den Aufständen in Schottland und der Amerikanischen Revolution, die zur Unhabhängigkeit Amerikas von der britischen Herrschaft führte. Vielleicht ja auch, weil viele Menschen an beiden Ereignissen beteiligt waren. Und auch wenn der Vergleich dieser Revolution mit dem Referendum vielleicht etwas weit hergeholt ist, gibt es durchaus Ähnlichkeiten – das Widerstreben gegen das, was man als wirtschaftliche Ausbeutung wahrnimmt, und das Verlangen nach einer selbstbestimmten Regierung.
Es ist interessant zu erwähnen, dass zur Zeit der Amerikanischen Revolution kein vernünftiger Mensch auf ihren Erfolg gewettet hätte. Sie wurde von nicht einmal 15% der Bevölkerung befürwortet, die Kampagne war furchtbar organisiert und finanziert und stand die ersten drei Jahre kurz vor der militärischen Niederlage. Der Großteil der Bevölkerung sah ihre Köpfe entweder als gefährliche Radikale oder als gefährliche Idioten. Amerikas Unabhängikeit schien damals viel weniger wahrscheinlich als Schottlands Unabhängigkeit heute.
Was die politische Seite angeht, so sind wir uns wohl alle im Klaren darüber, was für eine unschöne Sache Politik selbst in den stabilsten Regierungen ist. Was glauben Sie, wie unschön es werden wird (nicht werden kann, werden wird.) wenn das Referendum Erfolg hat? Wird es das am Ende wert sein? Das ist keine Frage die ich oder irgendjemand sonst beantworten kann. Ich garantiere Ihnen nur, dass es unschön wird. Wie schon gesagt, halte ich es für unangebracht, meine persönliche Meinung zu äußern (was nicht heißt dass ich es nicht tun werde …), aber ich habe mit großem Interesse den Menschen zugehört, für die es angebracht ist – weil sie mit den Konsequenzen leben werden müssen.
Die Meinungen der “Nein”-Seite haben anscheinend mit Konservatismus zu tun (“Uns gefällt es so wie es ist, warum etwas ändern?”), mit der Angst vor Verlusten (einer meiner schottischen Fahrer sorgte sich um Änderungen im nationalen Gesundheitswesen, ein Crewmitglied fürchtete eine instabile Währung, und ein anderer bangte um seine Rente) oder um die Zukunft Schottlands (ein Mann sagte: “Schotte zu sein ist besser als Brite zu sein, aber Brite sein ist viel besser als in der EU zu sein”).
Drei der Hauptdarsteller haben sich öffentlich für “Ja” ausgesprochen: Sam Heughan, Graham MacTavish und Grant O'Rourke. Und die “Ja”-Seite ist extrem leidenschaftlich, idealistisch, hoffnungsvoll, inspiriert von der Aussicht auf Veränderung und demokratische Selbstbestimmung. Ihre Vertreter verweisen auf typische Beispiele einer “London-zentrischen” Politik und der Voreingenommenheit der Medien, und es mangelt ihnen nicht an wirtschaftlichen und kulturellen Argumenten.
Ich? Es ist nicht mein Land. Aber ich habe auch ein Land. Ich bin Amerikanerin. Angesichts unseres kulturellen und historischen Hintergrunds sind wir Amerikaner schnell auf der Seite der Leute, die sich (zu Recht oder zu Unrecht) von ihrer Regierung unterdrückt fühlen. Und neigen dazu, die zu unterstützen, die nach demokratischer Selbstbestimmung streben. “Ja” oder “Nein”? Ich sage “Vielleicht”, jedoch mit den besten Wünschen für Schottland und seine Kinder, wie auch immer die Abstimmung ausgeht.


(c) Diana Gabaldon
(deutsche übersetzung eines Textes, der am 17.9.2014 im Londoner “Daily Telegraph” veröffentlicht wurde)