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Wie man Sexszenen schreibt – Kurzanleitung in 5 Minuten (für alle, die's eilig haben)

Der erste große Fehler, den man als Schreibanfänger machen kann, ist zu denken, dass es bei Sexszenen um Sex geht. Eine gute Sexszene behandelt den Austausch von Emotionen, nicht von Körperflüssigkeiten. Und das kann jede Art von Emotion sein, von Wut oder Trauer bis hin zu Jubel, Zärtlichkeit oder Überraschung.
Lust ist keine Emotion. Sie ist eine einfache Hormonreaktion. Daher klingt eine allzu ausführlich geschilderte Sexszene schnell so, als würde man die Tapete des Schlafzimmers beschreiben. Vielleicht einen schnellen Blick wert, aber eigentlich langweilig.
Wie zeigt man also den Austausch von Emotionen? Dialog, Mimik oder die Handlungsweise der Figuren, mehr hat man kaum zur Auswahl, und davon ist der Dialog bei weitem das flexibelste und effektivste Werkzeug des Autoren. Was eine Person sagt, zeigt den Kern ihres Charakters.


Beispiel:


„Ich weiß ja, dass einmal reicht, damit es legal ist, aber ...“ Er hielt schüchtern inne.
„Du möchtest es noch einmal tun?“
„Würde es dir sehr viel ausmachen?“
Auch diesmal lachte ich nicht, aber ich spürte, wie meine überanstrengten Rippen ächzten.
„Nein“, sagte ich mit dem gebotenen Ernst. „Es würde mir nichts ausmachen.”


Dann will man natürlich dafür sorgen, dass die Szene lebendig und dreidimensional wird. Wenn es um Sex geht, haben wir den großen Vorteil, davon ausgehen zu können, dass die meisten unserer Leser wissen, wie das geht. Also können wir auf diesem gemeinsamem Erfahrungsschatz aufbauen und brauchen nicht mehr als kleine Anspielungen, um in Gedanken ein Bild entstehen zu lassen.
Die Szene sollte zwar mit Hilfe von körperlichen Details in der Realität verankert sein, doch eigentlich sollte man eher sinnliche Details benutzen als übertrieben sexuelle. (Lesen Sie irgendeine Szene, in der ein Mann die Brustwarzen einer Frau leckt, und Sie wissen, was ich meine. Entweder macht der Autor einen Riesenspagat, um das Wort “Brustwarzen” zu vermeiden – “zarte rosa Gipfel” –,  oder er geht so plump ins Detail, dass man das Schlecken fast hören kann. Das lenkt ab! Tut. Das. Nicht.)
Was soll man also tun, um eine Szene lebendig zu gestalten, aber nicht so sehr, dass es widerlich wird? Es gibt einen netten Trick, den ich die “Dreierregel” nenne: Wenn man drei der fünf Sinne anspricht, wird die Szene dreidimensional. (Oft werden nur das Auge oder das Gehör genutzt. Beziehen Sie Geruch, Geschmack, oder Tastsinn mit ein, dann kommen Sie der Sache schon näher!)


Beispiel:


Die Straße war schmal, und hin und wieder stießen sie aneinander, geblendet vom Kontrast zwischen dem dunklen Wald und dem Gleißen des aufgehenden Mondes, Er konnte Jamie atmen hören, zumindest glaubte er das – er schien Teil des sanften Windes zu sein, der sein Gesicht berührte. Er konnte Jamie riechen, den Moschus seines Körpers, den getrockneten Schweiß und den Staub in seinen Kleidern, und er fühlte sich plötzlich wild wie ein Wolf, und die Sehnsucht verwandelte sich geradewegs in Hunger.
Er begehrte.


Eigentlich ist eine gute Sexszene meistens ein Dialog mit körperlichen Details.


Beispiel:


„Ich gebe dir, was du willst“, murmelte er, und seine Hand bewegte sich sacht. Berührte mich. Noch einmal. „Aber du wirst meine Zärtlichkeit annehmen, a nighean donn.“
„Ich will keine Zärtlichkeit, verdammt.“
„Das weiß ich“, sagte er mit einer Spur von Grimm. „Du bekommst sie trotzdem, ob es dir gefällt oder nicht.“
Er legte mich auf seinen Kilt und kam wieder in mich, so heftig, dass ich einen kleinen, schrillen Aufschrei der Erleichterung ausstieß.
„Bitte mich in dein Bett“, sagte er atemlos, die Hände auf meinen Armen. „Und ich komme zu dir. Obwohl ... ich komme so oder so, ob du mich bittest oder nicht. Aber vergiss nicht, Sassenach – ich bin dein Mann, ich diene dir, wie ich es will.“


Und als Letztes könnt ihr Metaphern und Poesie benutzen, um unmittelbar an die emotionale Atmosphäre der Szene zu rühren. Aber das ist eher etwas für Fortgeschrittene.


Beispiel:


Er hatte sanft sein wollen. Ganz sanft. Er hatte es sorgfältig geplant, sich über jeden Schritt des langen Heimwegs Gedanken gemacht. Sie war zersplittert; er musste bedacht vorgehen, sich Zeit lassen. Vorsichtig sein, wenn er die Scherben wieder zusammenfügte.
Und dann kam er zu ihr und stellte fest, dass sie sich keine Sanftheit wünschte, kein Umworbensein. Sie wünschte sich Direktheit. Abrupt und brutal. Wo sie zersplittert war, schnitt sie ihn mit ihren gezackten Kanten, rücksichtslos wie ein Betrunkener mit einer zerbrochenen Flasche.
Sie zerkratzte ihm den Rücken; er fühlte die Spuren ihrer abgebrochenen Fingernägel und dachte dumpf, dass das gut war -- sie hatte gekämpft. Das war sein letzter Gedanke; dann überkam auch ihn die Raserei, die Wut und eine Lust, die über ihn herfiel wie schwarzer Donner über einen Berg, eine Wolke, die alles vor ihm verbarg, die ihn vor allem verbarg, bis jede liebevolle Vertrautheit verlorenging und er allein war, fremd in der Dunkelheit.


So in etwa.



(c) Diana Gabaldon, Auszug aus dem im Blog-Eintrag von 6.7.2014 angesprochenen Blog-Eintrag