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April in Culloden

(Original Blog-Eintrag aus dem April 2008.)


Wir sind heute in Schottland angekommen! (Vorher haben wir zwei Tage in New York Pause eingelegt, der arme Doug leidet mit seinen 1.95 auf langen Flügen furchtbar, weil er im Flugzeug nicht schlafen kann.) Dann sind wir in England gelandet, kurz, aber spaßig. Waren mit Freunden essen, waren mit dem neuen Verleger essen – Orion ist jetzt mein Verleger im Vereinigten Königreich, netter Haufen –, waren im Museum of Londen (unglaublich! Die Adresse ist One London Wall, weil es auf den Überresten der Stadtmauer gebaut wurde), in der National Portrait Gallery (genauso unglaublich, nur anders. Cool, die Gesichter der Geschichte zu sehen, besonders die Tudors und Stuarts und ihre Zeitgenossen) und ...naja, waren essen. Wie mein Gatte gestern verblüfft feststellte: „Wir sind seit zwei Tagen in England und haben noch gar nichts Furchtbares gegessen!“ Die Wunder der Globalisierung :) (Wir hatten viel Spaß dabei, in Pubs zu sitzen, Rotwein zu trinken und den Unterhaltungen zuzuhören. Auch eine Folge der Globalisierung, nehme ich an – oder der Einfluss des Fernsehens; es hatten zwar alle Akzente – und nicht nur englische –, aber wir konnten sie problemlos verstehen, während bei unseren vorherigen Besuchen mehrere Wiederholungen nötig waren bis alle verstanden hatten, was gemeint war. Diesmal verstand man uns auch!)
Wie auch immer. Sind furchtbar früh aufgestanden, haben unser Gepäck zur U-Bahn Haltestelle in Pimlico geschleppt (herrlicher kühler Tag. So kalt, dass man den eigenen Atem sehen konnte, aber ein Sweatshirt war genug, um sich warm zu halten) und sind nach Victoria gefahren, wo wir den Gatwick Express genommen haben. Sind zeitig genug angekommen, um etwas zu essen aufzutreiben – wir haben am Flughafen wunderbare Sandwiches gefrühstückt (es gibt in Großbritannien sowieso großartige Sandwiches. Man steckt alles mögliche zwischen zwei Scheiben Brot, und meistens schmeckt es extrem gut, obwohl es mir bei Mais mit Speck und Branston Pickle zuviel wurde). Ich hatte Tunfisch, Salat und rote Zwiebeln, und Doug hatte Ei, Kresse und Mayo. Beides auf „malted granary bread“ (auch bekannt als Mehrkorn. Lecker!)).
Sind nach Edinburgh geflogen und haben unseren Mietwagen abgeholt: Ein brandneuer Audi A3 (dessen rechter Scheibenwischer kaputt ging, sobald wir den Parkplatz verlassen hatten, zum Glück regnete es nicht viel). Dann fuhren wir nach Norden. Nach ein paar haarsträubenden Momenten gewöhnte sich Doug daran, auf der linken Straßenseite zu fahren, und wir konnten die Fahrt genießen. Hinauf in die Highlands mit ihren Bergen, auf deren Spitzen noch Schnee lag, die baumlosen Abhänge dicht mit Heidekraut bedeckt, auf dem noch Hauch von Rot des letzten Sommers schimmerte, und dichten Ginsterbüschen auf den Felsen, so dunkelgrün, dass es fast schwarz war, übersät von gelben Blüten, die noch heller leuchteten als Osterglocken am Straßenrand. Große Wattewolken am Himmel und ab und zu ein kleiner Schauer, aber insgesamt ein herrlicher, schöner Tag.
Wir hielten in Pitlochry, vorgeblich, um zu Mittag zu essen. Aber ich hatte eigene Pläne, von denen  ich noch nichts gesagt hatte, weil ich wusste dass Doug Angst hatte, wir würden Inverness nicht rechtzeitig erreichen, um unser Hotel zu finden und uns für den Empfang in Culloden umzuziehen. Ich hatte beim Recherchieren herausgefunden, dass es in Pitlochry einen Staudamm gibt, der in den 50ern gebaut wurde, mit einem Besucherzentrum, das die Geschichte der Wasserkraft in den Highlands erzählt – und in dem man Lachsen und  Forellen auf ihrem Weg über die Fischleiter zusehen kann.
Zufällig *räusper* fanden wir ein Schild, auf dem „Damm und Fischleiter“ stand, und ich (als Navigatorin) habe darauf gezeigt und gesagt: „Oh, lass uns da anhalten!“ „Warum willst du eine Fischleiter sehen?“, fragte Doug, während er auf den Parkplatz fuhr. „Will ich gar nicht“, erwiderte ich und sprang aus dem Wagen auf den Damm zu. „Ich will das Wasserkraftwerk sehen!“ (Ich habe ihm erzählt, warum, euch aber nicht! Sorry, es hat mit dem nächsten Buch zu tun, das ist alles.)
Leider waren keine Fische unterwegs, aber das Besucherzentrum war faszinierend, der Fluss (voll älterer Männer in Stiefeln mit Angelruten) rauschte fröhlich dahin, überall sprossen die Frühlingsblumen, die Bäume waren voll singender Vögel, und hinter dem Parkplatz gab es ein herrliches kleines Restaurant namens Port-na-Craig, wo wir in der Fisherman's Bar (benannt nach den Dutzenden von ur-alten Angelruten die von der Decke hingen) absolut dekadente Burger gegessen haben (zartes, saftiges schottisches Rindfleisch, darauf Speck – die britische Sorte: weich und durchwachsen, nicht der knusprige amerikanische –  und das Ganze überhäuft mit geschmolzenem Käse – ein würziger einheimischer Cheddar. Man konnte sie nicht zum Essen in die Hand nehmen. Sie waren so saftig, dass das Brötchen auseinander fiel, also mussten wir sie mit der Gabel essen. („We havena got tomahto sauce“ erklärte uns die nette Kellnerin – „tomato sauce“ ist Schottisch für Ketchup --, „but we've got a bit of tomahto salsa, if ye'd like that?“(wollten wir).) Hausgemachte Pommes mit Essig und etwas Salat ... wieder im Auto, wären wir auf dem nächsten Teil der Reise fast eingeschlafen, so satt waren wir.
Wir haben es aber geschafft, auf der Straße zu bleiben, und sind ohne Zwischenfälle im Culloden House Hotel angekommen. Dieses Hotel ist unglaublich. Ein sehr altes, sehr großes, steinernes Landhaus, das als Vier-Sterne-Hotel renoviert wurde. Viktorianische Tapeten und Möbel. Üppige, dicke Teppiche. Fenster mit uralten Holzläden, um die Morgensonne auszusperren. Und ein erstklassiger Speisesaal, ausgestattet mit Royal Worcester Porzellan, verzierten Kristallgläsern, schwerem Silberbesteck, und einer Karte, von der man nur schwärmen kann. Ich habe die Tournedos von Schottischem Rinderfilet mit Wildpilz-Risotto genommen. Doug hatte ein Schweinekotelett mit eingelegten roten Zwiebeln und eine Maisuppe mit Flusskrebschwänzen und Chiliöl (lacht nicht! Es war großartig!).
Vielleicht interessiert euch ja mehr, dass in den letzten Tagen vor der Schlacht von Culloden die Jakobitertruppen hier auf der Anlage gelagert haben – und ihre Offiziere im Haus (das ursprüngliche Haus. Das jetzige Haus wurde 1780 an derselben Stelle errichtet). Außerdem war es in einem der Dachzimmer von Culloden House, wo Jamie seine letzte, tödliche Konfrontation mit seinem Onkel Dougal hatte (wovon wir möglicherweise bald mehr hören werden).
Ihr denkt inzwischen wahrscheinlich, dass wir auf Reisen nichts anderes tun als essen. Aber nein! Der eigentliche Anlass, warum wir heute hier waren, war ein Empfang im neuen Besucherzentrum des Schlachtfelds von Culloden, zu dem wir vom National Trust for Scotland eingeladen worden waren, der uns großzügigerweise als Sponsoren betrachtet.
Das neue Besucherzentrum sieht von außen wunderbar aus – sehr modern, mit langen, klaren Linien, so dass es aussieht als, gehöre es zur Landschaft, statt herauszustechen. Der Außenbereich ist noch in Arbeit, aber sie haben schon damit angefangen die Steine für den Culloden Walk zu legen.
Ich hatte einen „Chieftain Stone“ beigesteuert, auf dem „Urram do na mairbh “ steht (Zur Ehre der Toten) – und mein Dank gilt an dieser Stelle der bekannten Gälisch-Sängerin und -Lehrerin Catherine-Ann McPhee  für das korrekte Gälisch! Die Ladies of Lallybroch hatten dem Projekt sehr großzügig ebenfalls einen Stein gespendet, zu meinen Ehren *bescheiden erfreutes Husten*. Wie dem auch sei! Der Walk ist noch davon entfernt, fertig zu sein, aber selbst die Anfänge sind sehr beeindruckend. Flache, dunkle Steine, graviert mit Namen, führen zum Eingang.
Ich will mich nicht in langweiligen Details über den Abend oder die Ausstellung verlieren, abgesehen davon zu sagen, dass es ein schöner Abend war (wir haben alle möglichen wunderbaren Menschen getroffen) und die Gestaltung und Ausführung der Ausstellung fantastisch sind. Wovon ich euch aber erzählen will ist was sie die „Erlebnis“-Zone nennen. Das ist ein Abschnitt, in dem man durch einen dumpf beleuchteten Gang geht und die Jakobitertruppen auf ihrem vergeblichen Nachtmarsch zum Angriff gegen die Regierungstruppen begleitet. (Davon wissen Sie vielleicht nichts, weil Jamie nicht dabei war – er war damit beschäftigt, Claire sicher zu den Steinen zu bringen.) Links hört man die Geräusche des Regierungslagers und rechts das Schlurfen und Murmeln und Klirren der ausgelaugten, hungernden Jakobiter.
Am Ende des Gangs kommt man in ein kleines Kino – aber kein normales mit Sitzen. Es ist ein komplett leerer Raum mit Leinwänden an allen Seiten. Man steht in der Mitte und dreht sich, um der Schlacht zu folgen, und diese beginnt, wird gekämpft und endet ... um einen herum. Es war faszinierend, die Jakobitertruppen aufmarschieren zu und beklommen in Formation gehen zu sehen – sehr real und gespenstisch zugleich, wenn man weiß, was auf sie zukommt. Auf der anderen Seite des Raums: Leerer Horizont, der Wind streicht übers Moorgras – und dann sind da auf einmal die Regierungstruppen und marschieren auf der Entfernung auf einen zu. Und kommen immer näher. Reihe um Reihe, die „Brown Bess“-Musketen geschultert. Und die Kanonen, die in Position rollen.
Ich hatte mich zu den Jakobitern zurück gewandt, als die ersten Schüsse fielen. Zwei jakobitische Kanonen feuerten. Ein Moment Pause. Und dann trafen englische Kanonenkugeln zwei Männer in der ersten Reihe, ein paar Meter von mir entfernt. Das war eines der eindringlichsten Erlebnisse, die ich je hatte. Danach ging es ähnlich weiter; das schreckliche Zögern der Jakobiter, ehe endlich der Befehl zum Angriff kam -- die brüllende Masse der Männe, die uns unmittebar zu überrennen und uns mitzureißen schien ... auf die gegenüber liegenden Leinwände zu, wo die Reihen der Regierungstruppen unbeirrbar standen … und warteten. Wir konnten den Rauch ihrer Salven riechen.
Und dann ist der Wind wieder da, über dem stillen Moor. Und den Toten.


--Diana