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Ein frohes neues Jahr!

EIN SCHATTEN VON VERRAT UND LIEBE (erscheint im Juni)


Es war vielleicht vier Uhr Ante-Emm, wie es die britischen Soldaten meiner eigenen Zeit auszudrücken pflegten. Da war sie wieder, diese zeitliche Orientierungslosigkeit, in der sich die Erinnerungen an einen anderen kommenden Krieg wie Nebel plötzlich zwischen mich und meine Arbeit schoben, um dann sekundenschnell wieder zu verschwinden und mir die Gegenwart scharf und leuchtend bunt wie Kodachrome zu zeigen.
Kein Nebel verdeckte Jamie. Er war hochgewachsen und real, sein Umriss in den Dämmerfetzen der schwindenden Nacht deutlich zu erkennen. Ich war hellwach, angekleidet und bereit, doch die Kühle des Schlafs steckte mir noch unter der Haut, und meine Finger waren ungeschickt. Ich konnte seine Wärme spüren und suchte seine Nähe wie die eines Lagerfeuers. Er führte Clarence, der noch wärmer war, wenn auch deutlich weniger wach, denn er ließ verschlafen und ärgerlich die Ohren hängen.
„Du nimmst Clarence mit“, sagte Jamie zu mir und drückte mir die Zügel des Maultiers in die Hand. „Und die hier, um sicherzugehen, dass du ihn auch behältst, falls du irgendwann auf dich selbst gestellt bist.“ „Die hier“ waren ein Paar schwere Pistolen, die in Halftern an einem dicken Ledergürtel steckten, an dem auch Munitionsbeutel und Pulverhorn befestigt waren.
„Danke“, sagte ich und schluckte, während ich die Zügel um einen Schössling schlang, um mir den Gürtel anzulegen. Die Pistolen waren erstaunlich schwer – aber ich konnte nicht leugnen, dass ihr Gewicht an meinen Hüften auch erstaunlich beruhigend wirkte.
„Gut“, sagte ich und warf einen Blick auf das Zelt, in dem sich John befand. „Was ist mit ...“
„Ich habe mich darum gekümmert“, sagte er und schnitt mir das Wort ab. „Hol deine restlichen Sachen, Sassenach; mir bleibt höchstens noch eine Viertelstunde, und ich brauche dich an meiner Seite, wenn wir aufbrechen.“
Ich sah zu, wie er in das Gewimmel schritt, hochgewachsen und entschlossen, und fragte mich – wie schon so oft – wird es heute sein? Wird dies das letzte Bild sein, das mir von ihm in Erinnerung bleibt? Ich stand ganz reglos da und beobachtete ihn mit ganzer Kraft.
Als ich ihn das erste Mal verloren hatte, vor Culloden, hatte ich mich auch so erinnert. An jeden Moment unserer letzten gemeinsamen Nacht. Winzige Einzelheiten, die mir im Lauf der Jahre wieder einfielen: der Salzgeschmack auf seiner Schläfe und die Rundung seines Schädels, als ich seinen Kopf umfasste, das feine Haar in seinem Nacken, dicht und feucht in meinen Fingern … das plötzliche, magische Aufquellen seines Blutes im Dämmerlicht, als ich ihn in die Hand geschnitten und ihm für immer mein Zeichen aufgedrückt hatte. Diese Dinge hatten ihn bei mir gehalten.
Und als ich ihn diesmal verloren hatte, an die See, hatte ich mich daran erinnert, wie es war, ihn an meiner Seite zu haben, warm und fassbar in meinem Bett, an den Rhythmus seiner Atmung. Das Licht auf seinen Wangenknochen im Mondschein und die Röte seiner Haut bei Sonnenaufgang. Ich konnte ihn atmen hören, wenn ich in dem Haus an der Chestnut Street allein im Bett lag – langsam, regelmäßig, unaufhörlich … obwohl ich wusste, dass er aufgehört hatte. Erst tröstete mich das Geräusch, dann trieb mich das Wissen um den Verlust zum Wahnsinn, und ich zog mir das Kissen fest über den Kopf in dem vergeblichen Versuch, es auszusperren … um schließlich wieder in das nächtliche Zimmer aufzutauchen, voller Holzrauch und Kerzenwachs und verschwundenem Licht, und es zu meinem Trost erneut zu hören.
Wenn es diesmal … doch er hatte sich umgedreht, ganz plötzlich, als hätte ich seinen Namen gerufen. Er kam eilig zu mir zurück, fasste meine Arme und sagte mit leiser, kräftiger Stimme: „Heute wird es auch nicht sein.“
Dann legte er die Arme um mich und zog mich auf die Zehenspitzen zu einem tiefen, sanften Kuss. Ich hörte kurze Beifallsrufe von den Männern in unserer Nähe, doch das spielte keine Rolle. Selbst wenn es heute sein würde, würde ich mich erinnern.


(c) Diana Gabaldon & Barbara Schnell