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Noch 10 Tage: Leseprobe "Zeit der Stürme"

„Wie ein Blatt im Wind“


MARJORIE MACKENZIE – von ihrem Mann Dolly genannt – öffnete die Verdunkelungsvorhänge. Nicht mehr als zwei Zentimeter ... nun ja, fünf Zentimeter. Es würde keine Rolle spielen; im Inneren der kleinen Wohnung war es so finster wie in einer Kohlenschütte. London draußen war genau so dunkel; dass die Vorhänge offen waren, merkte sie nur, weil sie das kalte Glas des Fensters durch den schmalen Spalt spürte. Sie beugte sich vor, hauchte das Glas an und spürte ihren feuchten Atem kühl vor ihrem Gesicht kondensieren. Konnte den Nebel zwar nicht sehen, spürte aber ihre Fingerspitze über das Glas quietschen, als sie flink ein kleines Herz darauf malte und in die Mitte den Buchstaben J.
Es verschwand natürlich sofort wieder, doch das spielte keine Rolle; der kleine Zauber würde da sein, wenn das Licht ins Zimmer kam, würde unsichtbar, aber dennoch zwischen ihrem Mann und dem Himmel stehen.
Wenn das Licht kam, würde es gerade eben auf sein Kissen fallen. Sie würde sein schlafendes Gesicht darin sehen; sein Haar, das in alle Himmelsrichtungen abstand, den verblassenden blauen Fleck an seiner Schläfe, die tiefliegenden Augen, die unschuldig geschlossen waren. Er sah so jung aus im Schlaf. Fast so jung wie er tatsächlich war. Erst zweiundzwanzig; zu jung, um solche Falten im Gesicht zu haben. Sie fasste sich an den Mundwinkel, konnte das Fältchen aber nicht spüren, das ihr der Spiegel zeigte – ihr Mund war geschwollen und empfindlich, und sie fuhr sich mit der Daumenspitze über die Unterlippe, sacht, hin und zurück.
Was noch, was noch? Was konnte sie noch für ihn tun? Er hatte etwas von sich bei ihr zurückgelassen. Vielleicht würde sie ja noch ein Baby bekommen – etwas, das er ihr gab, aber auch etwas das sie ihm gab. Noch ein Baby. Noch ein Kind, das sie allein aufziehen würde?
„Selbst dann“, flüsterte sie und presste die Lippen zusammen. Ihr Gesicht war wund vom stundenlangen Küssen; keiner von ihnen hatte warten können, bis er sich rasiert hatte. „Selbst dann.“
Immerhin hatte er Roger gesehen. Hatte seinen kleinen Jungen auf dem Arm halten können – nur damit ihm dieser Milch über den Rücken seines Hemdes spuckte. Jerry hatte einen überraschten Ausruf ausgestoßen, doch er hatte nicht zugelassen, dass sie ihm Roger wieder abnahm; er hatte seinen Sohn festgehalten und ihn getätschelt, bis der Kleine einschlief. Erst dann hatte er ihn in seinen Korb gelegt und sich das beschmutzte Hemd ausgezogen, bevor er zu ihr kam.
Es war kalt im Zimmer, und sie schlang die Arme um sich selbst. Sie trug nichts als Jerrys Netzunterhemd – er fand, dass sie erotisch darin aussah, und sie musste lächeln. Doch das dünne Baumwollgewebe schmiegte sich um ihre Brüste, und ihre Brustwarzen lugten skandalös daraus hervor, wenn auch nur vor Kälte.
Gern wäre sie zu ihm gekrochen, sehnte sich nach seiner Wärme, danach, ihn noch einmal so lange zu berühren, wie sie es vorhin getan hatten. Er würde um acht gehen müssen, um den Zug zu bekommen, der ihn zurück brachte; es würde dann gerade eben hell sein. Doch ein puritanischer Verzichtimpuls ließ sie bleiben, wo sie war, kalt und schlaflos in der Dunkelheit. Sie hatte das Gefühl, dass sie, wenn sie sich das versagte, ihr Verlangen unterdrückte, dadurch den Zauber verstärken würde, helfen würde, ihn zu beschützen und wieder zurück zu bringen. Der Himmel wusste, was ein Priester zu dieser abergläubischen Geste sagen würde, und ihr kribbelnder Mund verzog sich selbstironisch. Und zweifelnd.
Dennoch blieb sie im Dunklen sitzen und wartete auf das kalte blaue Licht des Morgengrauens, das ihn mitnehmen würde.


© Diana Gabaldon & Barbara Schnell