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"Zeit der Stürme": Noch 100 Tage

Liebe Besucher,
noch hundert Tage bis zum Erscheinen von "Zeit der Stürme" -- eine Gelegenheit, von der ich dachte, wir könnten sie wieder einmal mit einem kleinen Vorab-Auszug begehen. Dieser hier stammt aus der Story "Wie ein Blatt im Wind", in der wir erfahren, was wirklich aus Roger MacKenzies Eltern geworden ist.


Viel Spaß beim Lesen wünscht
--Diana




"Wie ein Blatt im Wind"



HAUPTMANN RANDALL KAM vom britischen Geheimdienst. Er machte keinen Hehl daraus, nachdem Malan sie in ein leeres Büro gesetzt und sie allein gelassen hatte.
„Wir brauchen einen Piloten. Einen guten Piloten“, fügte er mit einem schwachen Lächeln hinzu, „der allein Kundschafterflüge durchführt. Ein neues Projekt. Sehr wichtig.“
„Allein? Wo denn?“, fragte Jerry argwöhnisch. Spitfire-Maschinen flogen normalerweise zu viert oder in größeren Verbänden bis hin zu kompletten Schwadronen von sechzehn Maschinen. Im Formationsflug konnten sie sich gegenseitig ein gewisses Maß an Feuerschutz gegen die schwereren Henkels und Messerschmitts geben. Aber sie flogen nur selten freiwillig allein.
„Das erzähle ich Ihnen später. Erst einmal – glauben Sie, Sie sind einsatzfähig?“
Diese Frage ließ Jerry beleidigt zurückfahren. Was glaubte dieser Mensch aus dem Wolkenkuckucksheim denn, wer er – dann fiel sein Blick auf sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Rote Augen wie ein wild gewordener Eber, das feuchte Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab, auf seiner Stirn breitete sich eine frische Prellung aus, und die Bomberjacke klebte stellenweise an ihm fest, weil er sich nicht die Mühe gemacht hatte, sich vernünftig abzutrocknen.
„Überaus einsatzfähig“, kläffte er. „Sir.“
Randall hob die Hand einen halben Zentimeter, um sich jedes „Sir“ zu verbitten.
„Ich habe Ihr Knie gemeint“, sagte er geduldig.
„Oh“, sagte Jerry überrascht. „Ach das. Aye, alles in Ordnung.“
Im letzten Jahr hatte er zwei Kugeln ins Knie bekommen, als er einer 109 nachgesetzt war und eine weitere übersehen hatte, die hinter ihm aus dem Nichts aufgetaucht war und ihm den Arsch gepfeffert hatte. Obwohl er brannte, hatte er Todesangst davor gehabt, sich mit dem Schleudersitz in einen Himmel voller Rauch, voller Geschosse und unvorhersehbarer Explosionen zu begeben und war daher mit seinem brennenden Flugzeug zu Boden geflogen. Schreiend waren sie beide vom Himmel gefallen, und die Metallhülle von Dolly I war so heiß geworden, dass sie ihm den linken Unterarm durch die Jacke hindurch versengt hatte, während sein rechter Fuß bei Durchtreten des Pedals in dem Blut watete, das ihm den Stiefel füllte. Doch er hatte es geschafft und hatte danach zwei Monate lang auf der Krankenliste gestanden. Er humpelte immer noch merklich, doch er trauerte nicht um seine zerschmetterte Kniescheibe; er hatte seinen zweiten Krankenmonat zu Hause verbracht – und neun Monate später war der kleine Roger zur Welt gekommen.
Er lächelte breit bei dem Gedanken an seinen Jungen, und Randall erwiderte das Lächeln unwillkürlich.
„Gut“, sagte er. „Dann sind Sie also bereit für eine lange Flugmission?“
Jerry zuckte mit den Achseln. „Wie lang kann sie denn in einer Spitfire schon sein? Es sei denn, Sie hätten eine Methode erfunden, sie in der Luft nachzutanken.“ Er hatte es als Scherz gemeint, und seine Bestürzung nahm noch zu, als er sah, wie Randall kaum merklich die Lippen spitzte, als überlegte er, ob er ihm erzählen sollte, dass es in der Tat so war.
„Es ist doch eine Spitfire, die ich fliegen soll?“, fragte er plötzlich unsicher. Himmel, was wenn es einer dieser Testvögel war, von denen sie hin und wieder hörten? Eine Mischung aus Angst und Aufregung ließ seine Haut kribbeln. Doch Randall nickte.
„Oh ja, natürlich. Es gibt sonst nichts hinreichend Manövrierfähiges, und es kann sein, dass Sie ordentlich Haken schlagen müssen. Was wir getan haben, ist, bei einer Spitfire ein Paar Flügelgewehre zu entfernen und sie durch zwei Kameras zu ersetzen.“
„Ein Paar?“
Wieder diese kaum merkliche Lippenbewegung, bevor Randall antwortete.
„Es könnte ja sein, dass Sie das zweite Gewehrpaar brauchen.“
„Oh. Aye. Ja dann ...“
Der unmittelbare Plan, so Randall, war, Jerry nach Northumberland zu schicken, wo man ihn zwei Wochen lang in der Bedienung der Flügelkameras unterweisen und wo er festgelegte Landschaftsteile aus unterschiedlicher Höhe fotografieren würde. Und wo er mit einem Team von Technikern zusammenarbeiten würde, die dazu ausgebildet waren, die Kameras auch bei schlechtem Wetter funktionsfähig zu halten. Sie würden ihm zeigen, wie man den Film entfernte, ohne ihn zu ruinieren, falls es nötig wurde. Und dann ...
„Ich kann Ihnen nicht genau sagen, wohin man Sie schicken wird“, sagte Randall. Während des gesamten Gesprächs war sein Verhalten eindringlich, aber freundlich gewesen, und hin und wieder hatte er einen Scherz gemacht. Jetzt war jede Spur von Jovialität verschwunden; er war toternst. „Osteuropa ist alles, was ich im Moment sagen kann.“
Jerry spürte, wie sein Inneres hohl wurde, und holte tief Luft, um die Leere zu füllen. Er konnte nein sagen. Doch er hatte sich bei der Armee verpflichtet, um RAF-Pilot zu werden, und genau das war er auch.
„Aye, gut. Kann ich – vielleicht meine Frau noch einmal sehen, bevor ich gehe?“ Bei diesen Worten wurde Randalls Miene ein wenig sanfter, und Jerry sah, wie der Daumen des Hauptmanns automatisch zu seinem goldenen Ehering wanderte.
„Ich denke, das lässt sich arrangieren.“


(c) Diana Gabaldon & Barbara Schnell