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Advent, Advent ... Gaudete

Liebe Leser,

"Gaudete", freut euch, so heißt der heutige dritte Advent-Sonntag im Kirchenjahr. Die folgende Szene mit ihren Untertönen von Hoffnung und Vorfreude passt zu diesem Tag -- ich wünsche Ihnen viel Freude mit der dritten "Adventskerze".
Auch bei uns ist es Winter geworden, und Doug und ich sind zum verschneiten Grand Canyon gefahren. Zumindest dort hält die Welt vor dem Fest den Atem an.


Eine schöne letzte Adventswoche wünscht
--Diana




(c) Diana Gabaldon & Barbara Schnell




Er richtete sich auf und stieß einen tiefen Seufzer aus, dann sah er ihr in die Augen.
„Willst du von jeder Frau hören, deren Bett ich geteilt habe? Denn wenn ja, erzähle ich es dir. Ich habe nie eine Frau gegen ihren Willen genommen – obwohl die meisten Huren waren. Aber ich habe keine Seuche“, versicherte er ihr. „Das solltest du wissen.“
Sie dachte einen Moment darüber nach.
„Ich glaube, ich brauche die Einzelheiten nicht zu wissen“, sagte sie schließlich. „Aber sollten wir je einer Frau begegnen, mit der du geschlafen hast, möchte ich es wissen. Du hast aber nicht vor, weiter herumzuhuren, wenn wir verheiratet sind, oder?“
„Nein!“
„Gut“, sagte sie, lehnte sich aber ein wenig auf dem Baumstamm zurück, verschränkte die Hände vor den Knien und sah ihn an.
Er konnte die Wärme ihres Beins, ihres Körpers dicht neben sich spüren. Sie war nicht von ihm fort gerückt, als er davon gesprochen hatte, dass er mit Huren geschlafen hatte. Die Stille ringsum nahm zu, und irgendwo ihm Wald rief ein Eichelhäher.
„Wir haben einander geliebt“, sagte er schließlich leise, den Blick zu Boden gerichtet. „Und ich habe sie begehrt. Ich ... konnte mit ihr reden. Damals zumindest.“
Rachel holte Luft, sagte aber nichts. Er nahm all seinen Mut zusammen und hob den Kopf. Ihr Gesicht war betont ausdruckslos, ihre Augen fest auf sein Gesicht gerichtet.
„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll“, sagte er. „Es war nicht so wie ich dich begehre – aber ich möchte nicht, dass es so klingt, als ob ... als ob Emily mir nichts bedeutet hätte. Denn das hat sie“, fügte er ganz leise hinzu und blickte wieder zu Boden.
„Und ... sie tut es immer noch?“, fragte Rachel leise nach einer langen Pause. Nach einer noch längeren Pause nickte er und schluckte.
„Aber“, sagte er und hielt inne, suchte nach den nächsten Worten, denn sie kamen jetzt zum gefährlichsten Teil seiner Beichte, jenem Teil, der dazu führen konnte, dass Rachel aufstand und ging und sein Herz durch die Felsen und Büsche hinter sich her schleifte.
„Aber?“, sagte sie, und ihre Stimme war sanft.
„Die Mohawk“, begann er und musste innehalten, um Atem zu holen. „Es ist die Entscheidung der Frau zu heiraten. Wenn eine Frau aus irgendeinem Grund nichts mehr mit ihrem Mann zu tun haben möchte – wenn er sie schlägt oder er ein fauler Trunkenbold ist oder er beim Furzen zu sehr stinkt ...“ Er blickte verstohlen zur Seite und sah, wie ihr Mundwinkel zuckte, was ihn ein wenig ermutigte. „Dann stellt sie seine Sachen vor das Langhaus, und er muss wieder zu den unverheirateten Männern ziehen – oder sich eine andere Frau suchen, die ihn an ihrem Feuer aufnimmt. Oder ganz gehen.“
„Und Emily hat dich aus ihrem Haus verbannt?“ Sie klang verblüfft und ein wenig bestürzt zugleich. Jetzt sah er sie mit einem kleinen Lächeln an.
„Aye, das hat sie. Aber nicht, weil ich sie geschlagen habe. Wegen ... der Kinder.“
Er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, und ballte frustriert die Hände auf den Knien zu Fäusten. Verdammt, er hatte sich doch geschworen, dass er nicht weinen wollte. Entweder würde sie glauben, dass er seinen Schmerz zur Schau stellte, um ihr Mitgefühl zu gewinnen ... oder sie würde zu tief in ihn hinein schauen; er war noch nicht so weit ... doch er musste es ihr sagen, er hatte dies in der Absicht begonnen, es ihr zu sagen, sie musste es wissen ...
„Ich konnte ihr keine Kinder schenken“, entfuhr es ihm. „Das erste – wir hatten eine kleine Tochter, die zu früh geboren und gestorben ist. Ich habe sie Iseabail genannt.“ Er wischte sich heftig mit dem  Handrücken über die Nase und schluckte seinen Schmerz herunter. „Danach ist sie – Emily – sie ist wieder schwanger geworden. Und wieder. Und als sie das dritte verloren hat ... ist ihr Herz für mich auch gestorben.“
Rachel stieß ein leises Geräusch aus, doch er sah sie nicht an. Konnte es nicht. Saß einfach nur vornübergebeugt auf dem Baumstamm wie ein Pilz, die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen, während ihm die Tränen, die er nicht vergießen konnte, vor den Augen verschwammen.
Eine kleine warme Hand legte sich auf die seine.
„Und dein Herz?“, fragte sie. „Ist es auch gestorben?“
Er schloss seine Hand um die ihre und nickte. Und dann atmete er eine Weile nur und hielt sich an ihrer Hand fest, bis er wieder sprechen konnte, ohne dass ihm die Stimme versagte.
„Die Mohawk glauben, dass der Geist des Mannes mit dem der Frau kämpft, wenn sie ... zusammen sind. Und sie wird nicht schwanger, wenn sein Geist den ihren nicht überwältigen kann.“
„Oh, ich verstehe“, sagte Rachel leise. „Also hat sie dir die Schuld gegeben.“ Er zuckte mit den Achseln.
„Ich kann nicht sagen, dass sie Unrecht hatte.“ Er drehte sich etwas auf dem Baumstamm, um sie direkt anzusehen. „Und ich kann nicht sagen, ob es anders wäre – mit uns. Aber ich habe Tante Claire gefragt, und sie hat mir von Dingen in unserem Blut erzählt ... also, vielleicht solltest du sie bitten, es dir zu erklären, mir würde das doch nicht gelingen. Aber das Wichtigste war, dass sie meinte, es könnte mit einer anderen Frau anders sein. Dass ich es vielleicht könnte. Dir Kinder schenken, meine ich.“
Er merkte erst, dass Rachel den Atem angehalten hatte, als sie ausatmete, ein Seufzer, der seine Wange streifte.
„Willst du--“, begann er, doch sie hatte sich ein wenig aufgerichtet, ihm zu geneigt, und sie küsste ihn sanft auf den Mund, dann hielt sie seinen Kopf an ihre Brust, nahm das Ende ihres Halstuchs und wischte erst ihm die Augen und dann sich selbst.
„Oh Ian“, flüsterte sie. „Ich liebe dich.“

***