Blog

Happy Birthday, Claire!

Ein kleines Geburtstagsgeschenk aus dem achten Band der Highland-Saga – für Claire, die hier wieder einmal für sich selbst spricht, und für ihre Fans.
Viel Spaß beim Lesen
-- Diana


© Diana Gabaldon & Barbara Schnell


KAPITEL ACHT: Der Mensch braucht Luft zum Atmen

Als der Sänftenträger mit der Nummer Neununddreißig feierlich die Tür der Sänfte öffnete, war das Gesicht des Herzogs gefährlich rot angelaufen, und zwar, so glaubte ich, nicht von der Hitze.
„Ihr wolltet doch Euren Bruder sehen, oder nicht?“, erkundigte ich mich, bevor er genügend zu Atem kam, um irgendetwas von dem auszusprechen, was ihm auf der Zunge lag. Ich zeigte auf das Haus. „Das ist sein Haus.“ Die Tatsache, dass John sich gegenwärtig nicht in diesem Haus befand, konnte warten.
Er warf mir einen vielsagenden Blick zu, doch er war immer noch kurzatmig und war so klug, sparsam mit seiner Luft umzugehen, während er gereizt die helfende Hand des Sänftenträgers Nummer Vierzig ausschlug und sich aus der Sänfte kämpfte. Er bezahlte den Träger – zum Glück, da ich kein Geld mehr dabei hatte –, verneigte sich keuchend vor mir und bot mir seinen Arm an. Ich ergriff ihn, da ich nicht wollte, dass er sich im Vorgarten hinfiel. Germain, der ohne erkennbare Anstrengung mit der Sänfte Schritt gehalten hatte, folgte in taktvollem Abstand.
Mrs. Figg stand im Hauseingang und beobachtete unser Herannahen mit Interesse. Die beschädigte Tür lag jetzt auf zwei Sägeböcken neben einem Kamelienbusch, wo sie vermutlich auf die Behandlung durch einen Fachmann wartete, nachdem man sie aus den Scharnieren gehoben hatte.
„Darf ich Euch Mrs. Mortimer Figg vorstellen, Eure Durchlaucht?“, sagte ich höflich und wies kopfnickend in ihre Richtung. „Mrs. Figg ist die Haushälterin und Köchin seiner Lordschaft. Mrs, Figg, dies ist seine Durchlaucht, der Herzog von Pardloe. Lord Johns Bruder.“
Ich sah ihre Lippen die Worte „merde auf Toast“ formen, glücklicherweise jedoch lautlos. Trotz ihres Körperumfangs bewegte sie sich flink die Treppe hinunter und fasste Hal am anderen Arm, um ihn zu stützen, denn er begann wieder blau zu werden.
„Spitzt die Lippen und pustet“, sagte ich knapp. „Jetzt!“ Er stieß ein unschönes Würgegeräusch aus, begann aber zu pusten, obwohl er böse Grimassen in meine Richtung schnitt.
„Was im Namen des ewig währenden Heiligen Geistes habt Ihr ihm angetan? “, fragte Mrs. Figg mich vorwurfsvoll. „Hört sich an, als würde er gleich sterben.“
„Erst einmal habe ich ihm das Leben gerettet“, sagte ich genau so knapp. „Na dann los, Eure Durchlaucht!“ Zu zweit hievten wir ihn die Treppe hinauf. „Dann habe ich ihn davor bewahrt, von einer aufgebrachten Menschenmenge gesteinigt und verprügelt zu werden – mit Germains unschätzbarer Hilfe“, fügte ich mit einem Blick auf Germain hinzu, der mich breit angrinste. Außerdem war ich gerade dabei, ihn zu entführen, doch ich war der Meinung, darauf jetzt nicht näher eingehen zu müssen.
„Und ich glaube, ich stehe kurz davor, ihm erneut das Leben zu retten“, sagte ich und blieb kurz auf der Eingangsveranda stehen, um meinerseits hechelnd Luft zu holen. „Haben wir ein Schlafzimmer, in dem wir ihn unterbringen können? Williams Zimmer vielleicht?“
„Will--“, setzte der Herzog an, doch dann begann er krampfhaft zu husten und nahm eine hässlich violette Färbung an. „Wa-- wa--“
„Oh, ich vergaß“, sagte ich. „Natürlich, William ist ja Euer Neffe, nicht wahr? Er ist im Moment nicht hier.“ Ich sah Mrs. Figg scharf an, und sie schnaubte kurz, sagte aber nichts. „Pusten, Durchlaucht.“
Innen sah ich, dass man Fortschritte bei der Wiederherstellung der Ordnung gemacht hatte. Die Trümmer lagen zusammengefegt auf einem Haufen neben dem Eingang, und Jenny Murray saß daneben auf einer Ottomane und zog unversehrte Kristalle des abgestürzten Kronleuchters aus dem Abfall und legte sie in eine Schüssel. Sie sah mich mit hochgezogener Augenbraue an, erhob sich aber ohne Eile und stellte die Schüssel beiseite.
„Was brauchst du, Claire?“, sagte sie.
„Kochendes Wasser“, sagte ich und ächzte leise, als wir Pardloe – er war zwar schlank und feingliedrig wie John, aber dennoch ein kräftiger Mann – jetzt auf einen Armsessel manövrierten. „Mrs. Figg? Tassen, mehrere Tassen, und Jenny, meine Arzneitruhe. Seht zu, dass Ihr nicht aus dem Rhythmus kommt, Durchlaucht– pusten ... zwei ... drei ... vier ... nicht keuchen, kleine Atemzüge, Ihr bekommt genug Luft, das verspreche ich.“ Hals schweißglänzendes Gesicht zuckte, und er hatte sich zwar noch im Griff, doch ich konnte sehen, wie ihm die Panik die Haut rings um die Augen in Falten zog, als sich seine Atemwege mehr und mehr verschlossen.
Ich kämpfte ein ganz ähnliches Gefühl der Panik nieder; das würde keinem von uns helfen. Es war ja durchaus möglich, dass er starb. Er durchlebte gerade einen ernsten Asthmaanfall, und unter diesen Umständen kam es selbst dann zu Todesfällen, wenn man Zugriff auf Epinephrin-Injektionen und die Möglichkeiten eines modernen Krankenhauses hatte, ob durch einen Herzinfarkt aufgrund der Überanstrengung und den Sauerstoffmangel oder weil man schlicht erstickte.
Er hatte die Hände in seine Knie gekrallt, seine lederne Kniehose war zerknittert und dunkel vom Schweiß, und die Sehnen an seinem Hals malten sich vor Anstrengung deutlich ab. Unter Schwierigkeiten befreite ich eine seiner Hände und nahm sie fest in die meine. Ich musste ihn von der Panik ablenken, die ihm den Verstand verfinsterte, wenn er überhaupt eine Chance haben sollte.
„Seht mich an“, sagte mich. Ich beugte mich zu ihm hinüber und sah ihm direkt in die Augen. „Es wird alles gut. Hört Ihr mich? Nickt, wenn Ihr mich hören könnt.“
Er brachte ein kurzes Nicken zuwege. Er pustete, jedoch zu schnell; meine Wange wurde nur von einem winzigen Lufthauch gestreift. Ich drückte seine Hand.
„Langsamer“, sagte ich so ruhig ich konnte. „Jetzt atmet mit mir gemeinsam. Spitzt die Lippen .. pusten ...“ Ich zählte bis vier, indem ich ihm regelmäßig mit der freien Hand auf das Knie klopfte, so langsam ich es wagte. Zwischen zwei und drei ging ihm die Luft aus, doch er spitzte mit letzter Kraft weiter die Lippen.
„Langsam!“, sagte ich scharf, als sein Mund sich keuchend öffnete, um nach Luft zu schnappen. „Lasst die Luft von selbst hinein ... eins ... zwei ... pusten!“ Ich konnte hören, wie Jenny mit meiner Arzneitruhe die Treppe hinunter hastete. Mrs. Figg war wie der Wind in Richtung des Küchenhauses verschwunden, wo sie immer kochendes Wasser über dem Feuer hatte – ja, da kam sie, drei Teetassen an die Finger der einen Hand gehängt, während sie mit der anderen eine in ein Handtuch gewickelte Kanne heißes Wasser an ihre Brust drückte.
„... drei ... vier– Meerträubel, Jenny ... eins ... zwei ... pusten ... zwei ... drei ... vier ... eine gute Handvoll in jede Tasse ... zwei, ja, genau so, pusten ...“ Ohne den Blick von seinen Augen abzuwenden, beschwor ich ihn zu atmen; wenn er aus dem Rhythmus kam, würden seine Atemwege kollabieren, und dann– ich verdrängte den Gedanken, drückte seine Hand, so fest ich konnte, und gab meine abgehackten Anweisungen, während ich den Rhythmus vor mich hin betete. Meerträubel ... was zu Teufel hatte ich sonst noch?
Nicht viel, lautete die Antwort. Dreiblattspiere, Stechapfel ... viel zu giftig und gefährlich und nicht schnell genug... „Indische Narde, Jenny“, sagte ich abruptt. „Die Wurzel ... mahlen.“ Ich zeigte auf die zweite Tasse, dann die dritte. „... zwei ... drei ... vier ...“ In jeder Tasse befand sich bereits eine große Handvoll zerkrümelter Meerträubel und zog in heißem Wasser. Die erste Tasse würde ich ihm geben, sobald sie so weit abgekühlt war, dass man sie trinken konnte, doch das Kraut musste eine gute halbe Stunde ziehen, um eine ernsthaft wirksame Konzentration zu erzielen... „Noch ein paar Tassen, bitte, Mrs. Figg ... einatmen, eins ... zwei ... so ist es gut...“
Die Hand in der meinen war schweißnass, und er klammerte sich mit aller Kraft an mich; ich konnte spüren, wie meine Knochen knirschten, und wand die Hand, um mir Erleichterung zu verschaffen. Er sah es und verminderte den Druck ein wenig. Ich beugte mich vor und nahm seine Hand in beide Hände – und nutzte beiläufig die Gelegenheit, seinen Puls zu fühlen.
„Ihr werdet nicht sterben“, sagte ich zu ihm, leise, doch so nachdrücklich wie ich konnte. „Ich lasse Euch nicht sterben.“ In seinen winterscharfen blauen Augen flackerte etwas auf, das zu schwach war, um ein Lächeln zu sein, doch er bekam nicht genug Luft, um ans Sprechen auch nur zu denken. Seine Lippen waren immer noch blau und sein Gesicht trotz der Temperatur so weiß wie Papier.
Die erste Tasse Meerträubeltee half ihm, zumindest kurz, wobei die Hitze und die Feuchtigkeit genau so viel beisteuerten wie das Heilkraut; Meerträubel enthielt Epinephrin und war das einzige gute Asthmamittel, das mir zur Verfügung stand – doch nach nur zehn Minuten enthielt die Tasse längst nicht genug des Wirkstoffes. Doch selbst diese vorübergehende Erleichterung schenkte ihm Mut. Seine Hand drehte sich, er verschlang die Finger mit den meinen und drückte zurück.


#