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Reisebericht: Vilnius, Teil 2 -- angewandte Diplomatie

Andrius, der hilfsbereite Pressereferent von Almalittera, der meinen Auftritt auf der Buchmesse in Vilnius organisiert hat, hat mich am Flughafen abgeholt und mich zum Hotel gefahren, dem Radisson in der Altstadt (es gibt auch eine Neustadt, aber davon habe ich nur sehr wenig gesehen). Vilnius ist eine alte osteuropäische Stadt, die 1527 gegründet wurde und erst seit zwanzig Jahren nicht mehr von den Sowjets besetzt ist; sie ist ein bisschen mitgenommen.Doch die Stadt sieht alles andere als tot aus; es gibt viele neue Geschäfte und eine große Anzahl sehr gepflegter Kirchen. Es gibt jede Menge Kirchen in Vilnius – mindestens fünfzig, sagt Andrius – und nicht wenige davon sind russisch-orthodoxe Kirchen, zum Teil mit Zwiebeltürmen. An einer davon sind wir auf der Fahrt vom Flughafen vorbeigekommen. Sie hatte ungefähr ein Dutzend Zwiebeltürme, die alle gerade mit frühlingsgrünem Isoliermaterial renoviert wurden; sie sah aus wie eine Ansammlung irischer Giftpilze.
Man sagte mir, die Sowjets hätten während der Besatzung sämtliche Kirchen geschlossen und sie als Lagerhäuser, als Ställe oder anderweitig zweckentfremdet. Die meisten Kirchen sind inzwischen restauriert und wieder eröffnet, mit einer Ausnahme: Wir sind an einem großen Gebäude auf einem Hügel vorbeigefahren, das von einem hohen Zaun mit einer Stacheldrahtkrone umgeben war und das in der Mitte eine große Kuppel hatte. Ich habe mich erkundigt, was das war, weil ich dachte, es wäre vielleicht eine Kirche, an der noch gearbeitet würde, aber man sagte mir, es sei ein Gefängnis. Das heißt, ursprünglich war es eine Kirche, aber die Sowjets hatten sie als Gefängnis benutzt, und diesen Zweck erfüllt sie auch heute noch – bis man irgendwo ein neues Gefängnis bauen kann.
Nachdem ich die Reise nach Vilnius mit Mühe und Not überlebt hatte, hatte ich im Hotel ungefähr vier Stunden Zeit bis zum ersten offiziellen Programmpunkt – einem Abendessen bei der amerikanischen Botschafterin in Litauen!
OK. Ich habe mich ja schon in vielen interessanten Situationen wiedergefunden, aber ein diplomatisches Dinner war bis jetzt noch nicht darunter. Was zum Kuckuck trägt man, wenn man bei einer Botschafterin zu Abend isst?
Ich habe es mit Logik versucht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich wohl nicht der einzige Gast sein würde; die Botschafterin hatte mit Sicherheit auch die anderen amerikanischen Autoren zu Gast, die zur Buchmesse da waren – und die alle mit demselben begrenzten Gepäck reisen mussten wie ich. Außerdem fand das Abendessen bei der Botschafterin zu Hause statt, nicht in der Botschaft ... also würde es wohl etwas lockerer zugehen. Aha. Eine schwarze Hose sollte passen, dazu meine guten Stiefeletten (ja, die Sado-Maso-Stiefelchen aus Deutschland mit den Ketten habe ich auch noch, aber auf dieser Reise hatte ich sie nicht dabei) und ein schickes Oberteil. Es war eine schöne, handbemalte Fransenjacke aus Samt, die mir einige Fans vor Jahren geschenkt haben. (Als mein Mann sie zum ersten Mal gesehen hat, hat er kurz gestutzt und dann gesagt: „Warum haben sie dir eine Jacke geschenkt, die mit Spermien verziert ist?“ Räusper! Sie ist natürlich mit Pfauenfedern verziert, aber ich gebe zu, dass eine gewisse Ähnlichkeit mit bunten Spermatozoen besteht. Falls die Botschafterin das bemerkt hat, war sie zum Glück so diplomatisch, es nicht zu erwähnen.)
Andrius hat mich gemeinsam mit Ruta und Ina,den beiden anderen amerikanischen Autoren, mit Rutas Lektorin und einer Verlagsangestellten abgeholt, die ebenfalls Ruta hieß (der Name Ruta – Ruth -- ist in Litauen sehr beliebt) und uns zum Haus der Botschafterin an der Neris gebracht. Zwei Wochen vor meiner Ankunft hatten hier noch zweistellige Minusgrade geherrscht, und es lag immer noch Schnee auf dem Boden. Doch jetzt war es deutlich wärmer, und der Abend wurde vom Donner der kleinen Lawinen untermalt, die immer wieder vom Dach des Hauses rutschten.
Die amerikanische Botschafterin in Litauen ist die charmante und beeindruckend kompetente Ann Derse, die uns – gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Hund (einem schwarzen Labrador namens Tracy, der eine Karriere als Drogenspürhund beim Zoll hinter sich hat) – herzlich empfangen hat. „Wir“ waren die drei amerikanischen Autoren (ich, Ruta Sepetys, die elegante Blondine auf dem Foto, und noch eine Frau, deren Nachnamen ich leider nicht mitbekommen habe, aber ihr Vorname war Ina – sehr hilfreich, ich weiß), Vertreter mehrerer gastgebender Verlage und einige Mitglieder der örtlichen Intelligentzia (so wurden sie uns tatsächlich vorgestellt, worauf ich mich gefragt habe, ob ein einzelnes Exemplar ein Intelligentzium oder nur ein Intelligentzi ist und was die Leute wohl denken würden, wenn man das auf seine Visitenkarte druckt ...), darunter ein Journalist, der für ein litauisches Nachrichtenmagazin schreibt, ein schwedischer Filmemacher (der teilweise in Vilnius lebt), ein Autor, der mehrere Sachbücher über den Holocaust geschrieben hat, und ein Herr mit dem eindrucksvollen Titel „Leiter der Kommission für Nazi- und Sowjet-Verbrechen “. Es war klar, dass dies eine ernste Angelegenheit werden würde.
Und das wurde es auch. Nachdem wir eine Weile mit unseren Weingläsern umherspaziert waren und uns gegenseitig vorgestellt hatten (ich wurde mehrfach auf Litauisch angesprochen – etwas, das mir während meines Aufenthalts immer wieder passiert ist. Anscheinend sehe ich aus, als wäre ich Litauerin – wer hätte das gedacht?), haben wir uns alle zum Essen begeben – sehr elegant mit weiß-goldenem Porzellan mit dem amerikanischen Adler-und-Wappenschild und kleinen Kärtchen mit der Speisefolge. (Eigentlich war keine Erklärung notwendig; Salat mit Brie und geraspelten Mandeln, gebackener Lachs mit Kapern und Kalamata-Oliven mit einer göttlichen Buttersauce, was nicht nur absolut köstlich war, sondern auch mein Glück, da es Aschermittwoch war und ich kein Fleisch hätte essen können. Ich hatte zwar Schwierigkeiten mit der Frage, wann ich das Aschermittwochsfasten beginnen sollte, da ich auf der Flugreise mehrere Zeitzonen durchquert hatte, aber zu dem Zeitpunkt, als wir uns zu Tisch gesetzt haben, hatte ich einfach nur Hunger. Zum Dessert Fruchtsalat, den niemand gesgessen hat.)
Vor dem Essen hat sich jeder von uns vorgestellt und ein wenig von seiner Arbeit erzählt. Ruta Sepetys hat ein sehr schönes Jugendbuch geschrieben, „Between Shades of Grey“, das auf den Erlebnissen ihrer Familie während der sowjetischen Besatzung basiert (als die Soldaten ihren Großvater festnehmen wollten und feststellen mussten, dass er fort war, haben sie prompt den Rest der Familie festgenommen und nach Sibirien deportiert, wo viele von ihnen ums Leben kamen). Ina ist Journalistin und hat eine Sammlung von Erfahrungsberichten litauischer Holocaust-Überlebender niedergeschrieben, der rundliche Herr mir gegenüber hatte sich in Büchern und Filmen mit dem Völkermord und ähnlichen Themen befasst; der schwedische Filmemacher hatte einen Film über litauische Flüchtlinge gedreht, die sich während der Besatzung im Wald versteckt haben, und der Komissionsleiter musste eigentlich nicht viel erklären.  Es war ein äußerst interessantes Abendessen, und ich habe in zwei Stunden mehr über die jüngere Geschichte Litauens gelernt als ich es in zwei Semestern gekonnt hätte. Die Entschlossenheit und die Widerstandskraft der Litauer haben mich sehr beeindruckt. Oh, ich? Ich war für die Komik zuständig. Nicht, dass ich es darauf abgesehen hätte, aber als ich erzählt habe, was ich schreibe und wie ich damit angefangen habe – also die Sache mit „Dr. Who“ und dem Mann im Kilt --, lagen sie am Boden vor Lachen. (Die dazugehörige Anekdote über den deutschen Journalisten und das Schöne an Männern in Kilts habe ich nicht erzählt; es schien der falsche Anlass [hüstel].)
Und es war immer noch der erste Tag und der erste Abend. Ich habe normalerweise keine Probleme mit dem Jet Lag, einerseits, weil ich während der Flüge immer wieder spontan einschlafe, andererseits, weil ich nach der Landung einfach in meinem normalen Rhythmus weitermache – ich kollabiere Abends dann zwar im Bett, aber am nächsten Tag bin ich fit. Also habe ich genau das getan. In Teil 3 hören wir dann von der Universität von Vilnius, davon, wie es ist, in einer fremden Sprache in der Maske geschminkt zu werden, von Vilma, der Dolmetscherin, von litauischen Einkaufszentren, von der Buchmesse, vom Basketballfieber und Unmengen von Bernstein.
P.S. Das Foto ist nicht aus Vilnius, sondern aus einem Hotelzimmer in Tucson, Arizona, wo Anfang des Monats ebenfalls ein Literturfestival stattgefunden hat. Ich habe es verwendet, weil es sowohl mich als auch Ruta Sepetys zeigt, die ebenfalls auf dem Festival war. Die anderen Damen sind (von links) Kristina McMorris, Sarah McCoy und Jenna Blum, und wir waren alle dort, um für den Büchertreff einer Pfarre eine Skype-Konferenz über Bücher abzuhalten, die im Zweiten Weltkrieg handeln (bei mir ging es in diesem Zusammenhang um eine Kurzgeschichte, die von Roger MacKenzies Eltern Jerry und Dolly erzählt).
P.P.S. Den Leuten von der Pfarre habe ich die Anekdote über den deutschen Journalisten und das Schöne an Männern in Kilts erzählt – aber nur, weil sie danach gefragt haben.