Compos(t) Mentis
 
    Ich kenne Linda Grimes schon lange als Mitglied des „CompuServe Books & Writers“-Forums – das vor Jahren mein Debüt als Romanautorin miterlebte. Jetzt arbeitet auch Linda auf ihr Debüt hin – und gemeinsam mit einer Handvoll anderer Erstlingsautorinnen betreibt sie einen ebenso informativen wie unterhaltsamen Blog namens „The Debutante Ball“ (Der Debütantinnen-Ball). Vor Kurzem war auch ich bei diesem „Ball“ zu Gast, um Linda ein Interview zu geben. Hier ist es exklusiv für Sie auf Deutsch – viel Vergnügen!

–  Diana

Wie lautet Ihr Rat für aufstrebende Schriftsteller?
   
Die drei Gabaldon'schen Regeln, wie man Schriftsteller wird:
    Erstens: Lesen.
    Lesen Sie viel, lesen Sie alles. So finden Sie heraus, was Ihnen gefällt und was Ihnen nicht gefällt (und es ist totale Zeitverschwendung zu versuchen, etwas zu schreiben, was einem nicht gefällt, nur weil man glaubt, es könnte sich gut verkaufen – das wird es nicht, glauben Sie mir) – und so beginnen Sie auch, etwas über das Schreibhandwerk zu lernen.
    Sie lesen zum Beispiel zwei Bücher desselben Genres und denken sich: „Das eine gefällt mir richtig gut, das andere viel weniger. Woran liegt das wohl?“ Nun, das erste hat bessere Figuren, sie scheinen echter zu sein. Oh? Und wie kommt das? Mmmm ... ich glaube, es liegt an der Art, wie sie reden. Sie hören sich an wie es die Leute auch im richtigen Leben tun, im anderen Buch ist es irgendwie hölzern. OK. Wie hat der Autor das gemacht?
    Denn alles, was ein Schriftsteller tut, steht klar und deutlich auf dem Papier; es ist nicht möglich, seine Technik zu verstecken. Wenn Sie genau hinsehen und aufmerksam lesen, fallen Ihnen allmählich bestimmte Dinge auf – zum Beispiel, dass gute Dialoge normalerweise aus kurzen Sätzen und knappen Absätzen bestehen; schlechte Dialoge klingen dagegen eintönig, nehmen kein Ende und haben einen komplizierten Satzbau. Oder dass man in guten Dialogen niemals Dinge erfährt, die die Figuren schon wissen – ein schlechter Schriftsteller benutzt dagegen oft die wörtliche Rede, um dem Leser massenweise Informationen vor die Füße zu werfen. Solche Dinge.
    Zweitens: Schreiben.
    Unglücklicherweise ist dies die einzige Weise, tatsächlich schreiben zu lernen. Sie können so viele Bücher lesen wie Sie wollen und Kurse für Schriftsteller belegen, und es mag durchaus sein, dass sie ganz nützlich sind – aber das einzige, was Ihnen tatsächlich beibringen kann zu schreiben, ist die Tätigkeit, Worte zu Papier zu bringen.
    Drittens – die letzte und wichtigste Regel: NICHT AUFHÖREN!!!

Was ist das Schwierigste und das Leichteste an Ihrem Beruf?
    Worte zu Papier zu bringen.
    Leute anzulächeln, die mich fotografieren möchten.

Welche drei Dinge hätten Sie gern dabei, wenn Sie auf einer einsamen Insel stranden würden?
    Einen Umhang mit Kapuze.
    Ein sehr langes Buch.
    Einen Kamm.

Leiden Sie unter Phobien?
    Ja, ich bekomme hin und wieder klaustrophobische Anfälle. Das war früher nicht so, bis zu meiner ersten Schottlandreise, als mein Mann und ich in Glenfiannan den Turm besichtigt haben, der an Charles Stuarts Landung erinnert. Mann kann ihn über eine Wendeltreppe besteigen, und das haben wir getan. Dabei hatte ich einen derart furchtbaren klaustrophobischen Anfall, dass mir der kalte Schweiß ausbrach und ich kaum atmen konnte. Als wir oben an die frische Luft kamen, habe ich gekeucht und gezittert – und wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, an der Außenseite des Turms hinunterzusteigen, hätte ich das mit Sicherheit getan.
Da es keine gab, habe ich meinen Mann nach unten vorgeschickt, und er musste mir versprechen, niemanden die Treppe hochgehen zu lassen, bis ich wieder unten war (die Treppe war zu schmal, um darauf aneinander vorbei zu gehen). Dann bin ich wie ein Sack Steine die Treppe hinunter gedonnert und war in zehn Sekunden draußen.
    Später habe ich einem Freund davon erzählt, der als Medium und Lebensberater arbeitet (er sagt, meisten Leute haben Probleme, die nicht besonders ungewöhnlich sind und einen psychologischen Ursprung haben – und er hat immerhin einen Abschluss in Psychologie , doch seine Klienten folgen seinem Rat eher, wenn sie das Gefühl haben, dass er ihnen Dinge erzählt, die auf seinen parapsychologischen Fähigkeiten beruhen, nicht auf seinem gesunden Menschenverstand). Als ich ihm erzählt habe, wie erstaunt ich über diesen Zwischenfall war, da ich noch nie Klaustrophobie hatte, hat er jedenfalls in aller Selbstverständlichkeit gesagt: „Oh, es ist gar nicht deine.“
    Nun müssen Sie wissen, dass ich nicht an Reinkarnation glaube, mein Freund aber schon. Als ich wissen wollte, was in aller Welt er damit meinte, hat er mir gesagt, die Klaustrophobie gehöre in ein früheres Leben – und hinzugefügt, dass ich wahrscheinlich einmal lebend eingemauert oder begraben worden sei und dass mir angesichts der Umstände in dem Turm die Erinnerung daran gekommen sei.
    „Ah ... ha“, habe ich gesagt. „Großartig.“ Trotzdem hilft es, mir, wenn ich zum Beispiel in ein kleines Flugzeug steigen muss, zu sagen, dass die Klaustrophobie nicht „meine“ ist. Ich hoffe natürlich sehr, dass ich nicht in einem früheren Leben lebendig begraben wurde, aber selbst wenn es nur ein simpler Mentaltrick ist, hilft es.

Was ist Ihr nächstes großes Vorhaben? (Buch, Projekt etc.)
    Nun, eigentlich arbeite ich immer an mehr als einem Projekt gleichzeitig; so bekomme ich keine Schreibblockade. Gelernt habe ich das damals, als ich noch zwei Vollzeitjobs (ich war Universitätsprofessorin – ich bin studierte Biologin mit einem Doktortitel in Quantitativer Verhaltensökologie, was eigentlich nur Verhaltensforschung anhand von Statistiken ist, also keine Sorge , war aber gleichzeitig in die Rolle einer Expertin für das wissenschaftliche Arbeiten mit Computern gerutscht – ebenfalls keine Sorge, dabei geht es nur um den Einsatz von Computern bei der wissenschaftlichen Recherche, und es ist auch nicht schwer, ein Experte zu sein, wenn es auf der ganzen Welt nur sechs Leute gibt, die genau das machen, und so sah es damals aus – und habe als freie Autorin für Computermagazine geschrieben) und drei Kinder unter sechs Jahren hatte.
    Ich habe beruflich dauernd geschrieben, hatte aus unbekannten Gründen beschlossen, dass es genau jetzt Zeit war, mit einem Roman anzufangen – und konnte mir keinen Stillstand leisten.
    Nun ist es so, dass jeder irgendwann stecken bleibt. Egal, was ich gerade schreibe, ich bleibe nach etwa zwei Dritteln einer Seite stecken: Sachtext, Essay, Romanszene, Lehrbuch, suchen Sie sich etwas aus. Normalerweise steht man auf, wenn man festhängt. Man geht auf die Toilette, holt sich Kaffee, geht mit dem Hund spazieren ... aber die meisten Leute, die ihre Arbeit im Stich lassen, kommen nicht zurück, was auch der Grund dafür ist, warum sie ihre Bücher nicht fertig bekommen. Das kam nicht in Frage.
    Also habe ich schnell gelernt, dass ich dann, wenn ich irgendwo feststeckte – sagen wir in einem Förderantrag , am besten zum nächsten Vorhaben auf meinem Arbeitsstapel griff – eine Gebrauchsanleitung, eine Softwarebesprechung für 'Byte' – und mich daran machte. Wenn da der Knackpunkt kam – und er kam unvermeidlich – habe ich wieder zum ersten Text gewechselt. Wenn es da immer noch hakte, habe ich die Romanszene geöffnet, an der ich gerade arbeitete, und dort ein bisschen weiter geschrieben. Bis ich da auch stecken blieb, hatte mein Unterbewusstes einen 'point d'appui' für eine der anderen Stellen gefunden, und ich konnte dort weitermachen. Doch diese Vorgehensweise war der Grund dafür, dass ich am Schreibtisch sitzen blieb und produktiv geblieben bin.
    Nun schreibe ich (Gott sei DANK!) keine Förderanträge oder Softwarebesprechungen mehr, aber das Prinzip ist dasselbe geblieben. Ich habe also immer einen mentalen Arbeitsstapel, und auch wenn ich an einem Hauptprojekt arbeite – im Moment ist es das achte Buch der Highland-Saga (ich hoffe, es Ende 2012 fertig zu bekommen, und nein, es gibt noch kein Erscheinungsdatum) , schreibe ich an mehreren Stellen des Buches gleichzeitig (ich lege mir vorher keinen Entwurf zurecht, und ich schreibe auch nicht chronologisch, also fällt mir das nicht schwer) und/oder wechsele es mit einem oder mehreren Projekten von meinem Stapel ab.
    Ich habe zum Beispiel während des letzten Jahres gleichzeitig Buch Acht und DIE FACKELN DER FREIHEIT geschrieben. Da FACKELN deutlich kürzer und weniger komplex ist, bin ich damit zuerst fertig geworden – es erschien Ende November 2011 im englischen Original, die deutsche Fassung kommt im Sommer 2012.
    Außerdem habe ich hin und wieder am zweiten Band von DER MAGISCHE STEINKREIS geschrieben – Sachtexte fordern mich geistig viel weniger als Fiktion, also beschäftige ich mich damit, wenn sich an einem Tag einfach nichts 'ereignen' will. Dann sind da noch DIE KANNIBALENKUNST (ein Buch über das Schreiben, an dem ich sehr unzusammenhängend arbeite) und gelegentliche Kurzgeschichten für Anthologien.

Was ist die schönste „Nebenwirkung“ Ihres Berufes?
    Dass ich nicht im Morgengrauen aufstehen und zur Arbeit gehen muss. Ich bin kein Frühaufsteher – meine Hauptarbeitszeit liegt zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens , und ich habe vierzehn verdammte Jahre lang bis zu meinem Highschool-Abschluss jeden Morgen um sieben völlig bekommen auf meiner Bettkante gesessen und mit der grauenhaften Vorstellung gerungen, mich anziehen und dann (ohne jeden Appetit) die widerlichen Dinge essen zu müssen, die allgemein als gutes Frühstück gelten (ich esse am liebsten Enchiladas vom Vortag. Oder Kokoscreme-Schoko-Ostereier von Russell Stover. Cornflakes ... bläh. Triefendes Rührei ... bläääh), und ich habe mir Morgen für Morgen geschworen: „Eines Tages werde ich das nicht mehr tun müssen, so wahr Gott mein Zeuge ist.“
    Ich habe es dann doch – so oder so ähnlich – getan, bis ich vierzig war und an der Uni gekündigt habe, um hauptberuflich zu schreiben. (Bis neun Uhr ausschlafen – die Zeit, um die ich am liebsten aufstehe , durfte ich allerdings erst, als die Kinder groß waren, aber wenigstens war mein geliebter Mann – ein echter Frühaufsteher – bereit, sie aus dem Bett zu zerren, ihnen Frühstück zu machen und sie in ihre Kleider zu befördern; ich habe mich nur rechtzeitig aufgerafft, um sie zur Schule zu bringen.)

Hat schon einmal jemand gedacht, er wäre das Vorbild für eine Ihrer Figuren?
    Nein, aber sie glauben alle, dass ich die weibliche Hauptfigur bin. Was totaler Unsinn ist.
Sagen wir es einmal so: Ich habe mich einmal mit einer Gruppe von Fans zum Tee getroffen, die mich über Black Jack Randall ausgefragt haben (einen besonders gemeinen Sexualsadisten, wenn auch nicht ohne Sinn für Humor). „Oh, er ist so widerwärtig ... ich kann ihn nicht ausstehen, er ist solcher Abschaum ... es schüttelt mich, wenn ich an ihn denke!“ Und ich habe die ganze Zeit dagesessen, an meinem Earl Grey genippt und gedacht: „Ihr habt keine Ahnung, dass Ihr gerade mit Jack Randall redet, oder?“
Ich meine ... sie sind alle ich. Es hat nichts damit zu tun, wer mir lieber ist; das wäre so wie die Frage, ob mir mein linker Fuß oder mein Hinterkopf lieber ist. Allerdings sind manche Figuren leichter zugänglich als andere; sie sprechen ganz ungezwungen zu mir, und ich verstehe sie instinktiv, ohne mich großartig anstrengen zu müssen. Bei anderen kostet es viel mehr Mühe, zu ihrem Kern vorzudringen.
    Natürlich machen mir die Pilze und die Zwiebeln mehr Spaß als die harten Nüsse (ein Pilz ist jemand, den ich nicht beabsichtigt oder erwartet habe, der einfach auftaucht und eine Szene an sich reißt; eine Zwiebel ist jemand, dessen Kern ich sofort begreife, doch je länger ich mit ihm arbeite, desto mehr Schichten entwickelt er und desto ausgeprägter und abgerundeter wird er. Eine harte Nuss ist genau das, wonach es sich anhört) – aber sie haben alle denselben Ursprung.


BONUS! Diana spricht darüber, wie sie schreibt:

STÜCK FÜR STÜCK
    Ich arbeite nicht mit einem Entwurf, und ich schreibe nicht chronologisch. (Wo bliebe da der Spaß?)
    Was ich brauche, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, ist eine Keimzelle. Das kann alles mögliche sein: ein lebhaftes Bild, eine Dialogzeile, ein Gefühl oder eine Atmosphäre, der Geruch eines Furzes ... alles, was ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann. Solche Keime findet man überall; alles, was Sie als Schriftsteller sehen, hören, riechen, berühren, schmecken, denken oder erzählt bekommen, bildet den mentalen Kompost in der Dunkelheit unter Ihrem Hirn, aus dem die Ideen sprießen (und Sie dachten schon, Sie hätten da unten nur Termiten ...)
    Wenn ich nach oben in mein Büro komme, um zu arbeiten, und es ist das, was ich einen „kalten“ Tag nenne (das heißt, gestern wusste ich noch, wie man schreibt, aber ich scheine es über Nacht vergessen zu haben), greife ich zur Inspiration meistens in meine Bücherregale. Ich habe Tausende inspirierender Dinge um mich, von Büchern – zum Großteil Bücher – zu Spielzeugkanonen, Silberkelchen voller Steine und Kristalle, einem Schusterhammer aus dem achtzehnten Jahrhundert, einer mittelalterlichen Schachfigur, einem lebensgroßen Kristallschädel (na ja, er ist aus Kunstharz, aber das würde man nie erkennen, und wenn es darum geht, der Fantasie nachzuhelfen, gibt es überhaupt keinen Unterschied), der Schale einer Mördermuschel (meine hat nur ungefähr fünfzehn Zentimeter Durchmesser, aber sie können bis zu neunzig Zentimeter groß werden, und es heißt, dass sie sich um die Füße ahnungsloser Strandgutsammler schließen und diese ertränken, obwohl ich nicht weiß, ob es da verlässlich dokumentierte Fälle gibt), einigen Kastanien, die ich am Guy-Fawkes-Day in Großbritannien gesammelt habe, einem ganzen Sortiment kleiner Glasflaschen voller Kräuter und Lösungen (eine mit Pfefferminz, die die Nase frei machen soll, aber ein ordentlicher Spritzer Wasabi funktioniert besser), Messern (ich liebe Messer, ich habe jede Menge, von einem winzigen Taschenmesser, das die Flugaufsicht nicht stören würde, bis hin zu einem Highlanddolch, den ein freundlicher Kanadier für mich geschmiedet hat), zwei jüdischen Münzen aus der Zeit der Kreuzigung, wie sie die arme Witwe im Gleichnis gespendet hat, und mehreren Federamuletten (fragen Sie mich nicht, warum, aber fast alle Schriftsteller haben Federn in ihren Büros. Wahrscheinlich symbolisch, obwohl ich Ihnen nicht sagen kann, ob es darum geht, dem Geist durch das Medium der Worte Flügel zu verleihen – man müsste schon um einiges schneller schreiben als ich, um auch nur eine anständige Startbahn hinzubekommen, vom Abheben ganz zu schweigen – oder ob es eine wenig subtile Warnung ist, kein ängstliches Huhn zu sein).
    Sobald ich einen solchen Keim in der Hand habe – nun ja, im Kopf , setze ich mich hin und beschreibe ihn mit ein paar Zeilen, so gut ich kann. Dann sitze ich da und spiele damit herum, nehme Worte aus dem Text, füge sie wieder ein, verschiebe Nebensätze – und währenddessen wühlt mein Hinterkopf im Kompost und stellt zufällige Fragen: Welche Tageszeit ist es? Wie fällt das Licht? Ist es kalt im Zimmer? Hat da gerade jemand etwas gesagt? Wer ist denn der Hund, den habe ich ja noch nie gesehen ...
    Und dann nehmen die Dinge – ganz langsam – Gestalt an, und wenn ich Glück habe, tauchen Leute auf und beginnen zu reden, und ich bewege mich vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück ... Bis eine Szene fertig ist, bin ich sie buchstäblich Hunderte von Malen durchgegangen, doch sie ist dann wirklich fertig – zumindest bekomme ich sie nicht besser hin. Also lasse ich sie, wie sie ist, und suche mir den nächsten Keim.
    Die nächste Frage ist dann natürlich: Jetzt haben Sie also eine Handvoll unzusammenhängender Szenen; wie zum Kuckuck fügen Sie sie zu einer Geschichte zusammen?
    Also (Moment, ich muss eine Metapher finden ... eigentlich kann man nicht über das Schreiben sprechen, ohne Metaphern zu benutzen) ...
    Sie wissen doch, wie ein Kaleidoskop funktioniert, oder? (Bevor es jetzt jemand googeln muss – im Prinzip ist es eine Röhre mit zwei oder drei rechteckigen Spiegeln darin, die in einem Winkel zueinander stehen und vielfache symmetrische Spiegelbilder der bunten Gegenstände erzeugen, die man in den einen Eingang der Röhre steckt.) Nun, stellen Sie sich vor, dass ich ein Kaleidoskop mit drei Spiegeln habe: Ein Spiegel ist die historische Reflektionsfläche – die historischen Ereignisse, ihre Reihenfolge, das kulturelle/intellektuelle Milieu, die äußeren Umstände und Einschränkungen. Der zweite ist die Reflektionsfläche der Charaktere – wer sie sind, ihre Motive, ihre Vorgeschichte. Und der dritte ist meine eigene Reflektionsfläche – meine Vergangenheit, meine Erfahrungen, die Wahrnehmungsweise und die Persönlichkeit, die mich einzigartig machen.
    Okay. Sagen wir also, ich habe eine Handvoll dieser ungleichen Szenen. Im Zwischenraum meiner drei Spiegel bilden sie Muster. Und wenn ich die Röhre drehe (sozusagen), fallen die Stückchen darin in einen anderen Bezug zueinander, und ich sehe andere Muster. Manche Muster sind von Natur aus ansprechender als andere, und ich benutze diejenigen, deren Ästhetik mir am logischsten erscheint. (Hin und wieder habe ich ein Stück, das für das Muster überflüssig ist. In diesem Fall nehme ich es heraus und bewahre es auf – normalerweise passt es irgendwo ins nächste Buch.)
    Leute, die chronologisch schreiben, werden übrigens oft wütend, wenn sie hören, wie ich diese Vorgehensweise beschreibe. Ich habe einmal mit einer Frau auf einem Diskussionspodium gesessen, die mir mitgeteilt hat, dass ich das unmöglich so machen kann, weil „man doch ein logisches Fundament braucht! Man kann doch kein Dach auf ein Haus setzen, bevor man stabile Wände gebaut hat, die es stützen, oder?“
    „Natürlich kann ich das“, war meine Antwort. „In der Welt der Gedanken gibt es schließlich keine Schwerkraft. Ich kann das Dach konstruieren und es einfach in der Luft hängen lassen, bis ich die Zeit gefunden habe, Wände darunter zu bauen. Man muss ein Buch nicht vom Anfang bis zum Ende schreiben, nur weil die Leute es auch so lesen werden.“ Sie war alles andere als erfreut, aber was ich sagen will, dass jeder einen anderen Verstand hat, der anders arbeitet, und der Schlüssel zum erfolgreichen Schreiben liegt zum Großteil darin herauszufinden, wie der eigene Verstand am besten funktioniert, und ihn dann auch so einzusetzen. Es gibt keine „richtige“ Art, ein Buch zu schreiben. Richtig ist alles, was dazu führt, dass Sie Worte zu Papier bringen.

(Herzlichen Dank an Linda Grimes für die Erlaubnis, das Interview zu übersetzen und hier zu verwenden!)