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ABERDEEN = Schottlands Sex-Metropole (wer hätte das gedacht?)

Will sagen, unser Hotel ist in Aberdeen offenbar _das_ Hotel für Hochzeitsnächte, Hochzeitstage und weniger legitime Anlässe. Die Tapete in den Fluren ist leuchtend rosa mit aufgeflockter schwarzer Spitze – sieht aus wie Reizwäsche –, die Zimmer sind mit einer geschmackvollen Mischung aus dunklem Tartan und schwarzem Samt ausgestattet, und ein suggestives Tablett enthält zwei Weinkelche und eine Flasche Wein mit dem Label „L13.95“ um den Hals. (Und falls das als Anreiz noch nicht ausreicht, schickt einem die Rezeption ungefähr alle zehn Minuten eine neue Flasche Champagner aufs Zimmer.)
Unten in der Bar läuft „Superman“ in einer Endlosschleife, und die Leute räkeln sich pärchenweise auf Sofas herum, verknoten sich die Daumen und betätscheln sich gegenseitig die Oberschenkel (während die aufrechten Amerikaner züchtig dasitzen, an ihrem Weißwein nippen und das dekadente Treiben fasziniert beobachten).
Nicht nur unsere Unterkunft war unterhaltsam; wir hatten viel Spaß in Aberdeen. Wir haben mit Mike Gibb (der die Liedtexte und das Libretto des OUTLANDER-Musicals geschrieben hat) und seiner Frau Norma zu Abend gegessen und am Tartan Day in Aberdeen teilgenommen. Ich bin beim Umzug mitmarschiert, umgeben von Leuten, die entweder Rüstungen trugen oder als Erzbischof verkleidet  waren, der eine Pergamentrolle dabeihatte, die die Deklaration von Arbroath darstellen sollte – den berühmtesten Satz kennen Sie vielleicht:
„Solange auch nur hundert von uns noch am Leben sind, wird man uns unter keinen Umständen unter das englische Joch bringen. Nicht Ruhm, Reichtum oder Ehre sind es, worum wir kämpfen, sondern die Freiheit – einzig die Freiheit, die der Ehrenmann nur gemeinsam mit seinem Leben aufgibt.“
Habe eine Signierstunde bei Waterstone's gegeben, wo man mich immer sehr großzügig empfängt – schön, so vielen Lesern zu begegnen, nicht nur aus Schottland, sondern auch aus Polen, den Niederlanden und sogar aus Brasilien!
Zwischendurch habe ich mir Mikes neues Kurztheaterstück angesehen – eine Auftragsarbeit aus gegebenem Anlass, „Red Harlaw“, zum Gedenken an den sechshundertsten Jahrestag der Schlacht von Harlaw, die im Juli 1411 ausgetragen wurde. Sehr eindrucksvoll und bewegend; Kompliment an Mike und an die Besetzung: Mark Kydd, Michelle Bruce und Allan Scott-Douglas (Michelle und Allan kennen Sie als Sänger von der OUTLANDER-Musical-CD).
Von Mr. Scott-Douglas (der im Musical Jamie spielt) hatte ich bis jetzt nur ein Foto, auf dem er aussieht wie Bibo aus der Sesamstraße. Ich hatte ihm aber versprochen, es zu ersetzen, wenn er ein neues Foto von uns beiden zusammen organisiert – und freue mich zu berichten, dass er die nächste Gelegenheit genutzt hat (es geht doch nichts über die richtige Motivation), und zwar beim Empfang des Bürgermeisters in Aberdeens großartigem Rathaus (ein feudales Gemäuer mit Gemälden der früheren Bürgermeister, rot-goldenen Tapeten und Kristall-Lüstern).
Vorgestern haben wir dann uns dann aber von Aberdeen – und der Reizwäsche-Tapete – verabschiedet und uns per Flugzeug, Zug und Auto nach London gequält, wo wir uns jetzt aufhalten. Haben den Tag im Museum der Stadt London und der St.-Pauls-Kathedrale verbracht und mit meinem englischen Lektor und seiner Frau zu Abend gegessen. Mehr über London (und Schottland) in Bälde – aber jetzt ist es mitten in der Nacht, und ich muss schlafen. Gute Nacht!